Shinrin Yoku – Wald drängt sich nicht auf. Er ist einfach da.

ein Interview mit Patrick Urban, geführt von Jordis Dony

Mehrtägige Waldausflüge haben in Japan Tradition. „Shinrin Yoku – im Wald baden“ nennt sich diese Form der spirituellen Hingabe, die einen gesundheitsfördernden und synergetischen Effekt auf den Menschen hat. Im Gespräch mit Patrick Urban, Kursleiter für Shinrin Yoku, erfahren wir mehr über das Waldbaden.

Patrick, Shinrin Yoku – im Wald baden… Du sagst auch „Der ganze Körper berührt die Natur“. Sollten mehr Menschen öfter mal raus gehen und einen Baum umarmen, ihn ganz und gar berühren?

Genau, öfters mal raus gehen! Die Lebens- & Arbeitsgewohnheiten verleiten uns zu oft, Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen. Es gibt verschiedene Wege, sich mit der Natur zu verbinden. Im Wald zu sein ist einer. Am Meer oder in den Bergen zu sein, sind andere Formen der Landschafts-/Klimatherapie. Im Wald haben wir Gelegenheit, der dortigen Pflanzen- & Tierwelt im sinnlichen Wahrnehmen zu begegnen, in Kontakt zu kommen. Ein Baum kann verschiedene Zugänge bieten, z.B. in dem wir den Baum berühren (die Solidität erleben), ihn riechen (hier gibt es Bezüge zur Aromatherapie), oder ihn auch als Metapher erkennen: Wie gut bin ich verwurzelt? Wald hat Qualitäten von Erde, gehalten sein, Beständigkeit & Schutz, auch von Wildnis anstelle eines angelegten Parks.

 

Shinrin Yoku kommt aus Japan. Kannst du uns ein bisschen mehr über die Entstehung und Idee dahinter erzählen?

Die ältesten Bezüge sind wohl in religiösen Riten angelegt, sowohl auf Ehrfurcht-gebietende Naturerscheinungen (Berge, Felsen oder Bäume) als auch auf Nahrungsgottheiten und elementare Naturkräfte bezogen. Viele Kulturen und Religionen greifen auf Naturelemente zurück, wir kennen z.B. das Erntedankfest. In Japan leben zudem viele Menschen auf dicht gedrängtem Raum in den Großstädten, und Urlaub, wie wir ihn kennen gibt es dort auch nicht. Ein Waldbad gibt mir mehr Raum und kann entlastend wirken, eine kleine Auszeit sein. Im nahen Wohnumfeld Bäume oder anderes Grün zu erleben, hat bereits eine Wirkung auf das Wohlbefinden.

Es heißt, die gesundheitsfördernden und synergetischen Effekte sind empirisch belegt. Was verändert sich in uns, in unserem Körper und Geist, wenn wir uns ganz in die Natur, in den Wald begeben?

Es gibt verschiedene Untersuchungen1), z.B. zu folgenden physischen Markern durch Waldbaden:
• Nervenaktivität (Regulation Sympatikus / Parasympatikus)
• Blutdruck & Pulsfrequenz (niedriger),
• Stresshormone (weniger)
• Immunsystem (die Anzahl der Abwehrzellen im Blut nimmt zu, hier sind die Botenstoffe der Bäume beteiligt).

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Ein Waldbad ist im positiven Sinne regulierend. Die Wirkung der Farbe GRÜN hat nachweislich einen Einfluss auf die Gesundung, auch der Geruch von Holz auf das Wohlbefinden. Es ist hilfreich sich für das Waldbad Zeit zu nehmen und es regelmäßig zu praktizieren, etwa einmal wöchentlich für mindestens drei Stunden.

In Befragungen wurde die Regulierung von emotionalen Zuständen durch Waldaufenthalte erforscht: Ängstlichkeit, Aggressivität, Depressivität, Stresserleben & Vitalitätsgefühl – es ist bemerkenswert, dass Wald als Medium hierauf einen individuellen Einfluss hat, wie eine „gute Medizin“ die sich individuell selbst anpassen kann. Hilfreich ist es, Offenheit für die Erlebensqualität zu üben und im sinnlichen Wahrnehmen zu bleiben. Denn oftmals versucht der menschliche Geist zu schnell alles einzuordnen und zu benennen, anstatt in der ersten Erfahrung zu verweilen, die noch ohne Benennung und Begrifflichkeit ist.

Wald drängt sich nicht auf, er ist einfach da und hat an sich keinen gezielten Aufforderungscharakter.  Ich nenne es absichtsloses Verweilen.

Du verbringst viel Zeit draußen. Was können wir aus deiner Sicht von der Natur, den Pflanzen, den Bäumen für unseren – vielleicht sogar städtisch geprägten – Alltag lernen?

Es ist erdgeschichtlich nicht lange her, da lebte die Menschheit dichter und abhängiger mit der Natur, ehrte diese in Riten. Natur reguliert sich selbst, wenn man sie ließe. Die vertiefte Rückanbindung lässt mich öfter im Alltag innehalten, wenn ich z. B. die prall gefüllten Regale im Supermarkt sehe. Irgendwo kommt all die Nahrung her, die pflanzliche und die tierische.In der Stadt ist es hilfreich, die Stresstreiber für sich zu erkennen und daraus das eigene Verhalten zu reflektieren.

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In Berlin kommt die U-Bahn alle 3 Minuten und dennoch rennen Menschen dem Zug hinterher. Hier kann ich erkennen: Liegt der Takt in mir oder den äußeren Bedingungen?
Im Wald gehen wir mit dem Atem verbunden. So kann ich auch in der Stadt mit mehr Bewusstheit, in kraftvoller Ruhe unterwegs sein.

Soweit möglich lebe ich ohne Uhr und Wecker und mit den Jahreszeiten und den Tageslichtstunden mal aktiv nach außen, mal ruhiger, innerlicher. Das war früher grundlegend anders in meinen Lebensgewohnheiten. Der Rhythmus der Natur ist ein organischer Takt, mit Zeiten der Sammlung. Durch wertfreies Beobachten kann ich die tiefe Verbundenheit & wechselseitige Abhängigkeit aller Erscheinungen immer mehr erkennen.

Was passiert denn eigentlich beim Waldbaden? Wie muss ich mir das vorstellen?

Anfangs werden Körper und Atem durch einfache Übungen aktiviert, wir nehmen Kontakt zu uns selbst auf, zentrieren uns in der eigenen Mitte. Durch weitere Übungen schulen wir die Fähigkeit in der sinnlichen Beobachtung zu bleiben, sammeln z. B. verschiedenes Material und erforschen dessen Qualitäten. Wir sind mehrere Tage in vielen Kurszeiten im Wald unterwegs, werden vertrauter, richten uns einen Gruppenplatz ein, verbringen täglich auch eine Zeit in der Hängematte, mit Blick in die Baumkronen gen Himmel. Es ist ein wiederholtes Hingeführt-werden in den derzeitigen Augenblick des Erlebens. Für den Intellekt kann das manchmal eine Herausforderung sein, wenn ich vielleicht nur schwer in die kraftvolle Stille und Ruhe finden kann. Ich werde dabei auf mich selbst zurückgeworfen, mit meinen Vorlieben und Prägungen im absichtslosen Verweilen. Das wird individuell sehr verschieden erlebt; es können dabei existenzielle Erkenntnisse über die eigene Person & Lebenssituation gewonnen werden.

Zusammengefasst: Es ein Zentrieren nach innen, ganz wach und präsent bei mir sein und ein ein absichtsloses Öffnen nach außen, staunend wie ein Kind.

Wenn du an deine Kurse zurückdenkst, welche Erfahrungen und Erlebnisse der Teilnehmenden berühren dich besonders?

Es gab bislang immer eine wassergefüllte Lehmkuhle im Wald, in der sich Kaulquappen und allerlei Wassergetier befanden – die wir längere Zeit beobachteten – es war für uns so etwas wie eine Ursuppe, ein Uterus, ein Universum voller Lebendigkeit, diese vier Quadratmeter Erde. Auch einen Ameisenhaufen zu beobachten, kann sehr weitreichend sein: Eine dicke Raupe wird von den Ameisen in den Bau hineingebracht, Nadeln werden nach oben getragen, ein ständiges Betasten der Tiere untereinander…

Ein andere Mal schrieben wir „Wald-Lyrik“, da habe ich eine einfache Anleitung gegeben, mit deren Hilfe jeder Mensch befähigt ist Lyrik zu schreiben. Es gab anschließend eine wunderbare Lesung der entstandenen Werke, mitten auf dem weiten Stoppelacker in der Abendsonne.

Eine Person hatte seit langem Hüftprobleme und kam dennoch zum Waldbaden. Am Ende des Kurses waren die Schmerzen weniger geworden, es wurde Linderung erlebt; vielleicht lag es an dem unbefestigten Untergrund, auf dem wir ständig unterwegs sind? Der körperliche Bewegungsapparat ist in der Waldzeit auf die vielfältigste & subtilste Weise aktiv, ganz anders als auf Gehwegplatten und befestigten Wegen.

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Einfach in Stille an einem eigenen Platz eine Zeitlang zu sitzen und zu lauschen, das Farbspiel, die Gerüche – alles kann sehr intensiv werden.

Die Wahrnehmung von Grenzen wird dabei weicher:
Hat mich der Wald gerade angesehen?
Wer ist es, der da im Wald ist?

Quellen:
Kim & Jones. The Interrelationship of Shinrin-Yoku and Spirituality: A Scoping Review, J Altern Complement Med. 2020
Park et al. Physiological and psychological effects of walking in stay-in forest therapy, Nihon Eiseigaku Zasshi. 2014
Qing Li. Effect of forest bathing trips on human immune function, Environ Health Prev Med. 2010

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