Wach bleiben in der Beziehung

von Marianne Leverenz, Zen-Lehrerin am Benediktushof

„Du bist immer so …!“ „Könntest Du nicht auch einmal…!“ „Nie machst du das, worum ich dich bitte!“ – Wer hat solche Sätze nicht selber schon einmal gehört, ausgesprochen oder zumindest gedacht.

Sei es in der Partnerschaft oder in der Familie: Wir nehmen unser Gegenüber in seiner Persönlichkeit wahr und machen mit ihm unsere Erfahrungen. Manches erleben wir als Bereicherung, manches wird aber auch – und sei es mit der Zeit – als störend oder belastend erlebt.

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Schwierig wird es, wenn sich solche Eindrücke und Erfahrungen verfestigen, sich zu einem starren Bild aufbauen und die Wahrnehmung und das Miteinander zu prägen beginnen, wenn sie zu festen Vorstellungen geworden sind und es zu solchen Aussprüchen und Anklagen kommt.

Dann haben wir uns meist ein Konzept unseres Gegenübers gemacht, ein Konstrukt, wie er oder sie ist oder sein sollte. Und das setzen wir mit der Wirklichkeit gleich. Wiederholungen erleben wir als Bestätigung und ein anderes Verhalten wird schnell übersehen oder als absolute Ausnahme abgewertet. Viel stärker scheint unser gemachtes Bild zu sein „Ich weiß doch, wie Du bist und was jetzt kommt!“

Ein idealer Nährboden für Vorhaltungen, Schuldvorwürfe und Frustration, in das sich dann beide Seiten – als Paar oder auch Familienmitglieder – verwickeln und verheddern können.

Manchmal führt es dazu, dass sich beide Seiten in ihren Festlegungen einrichten und sogar miteinander in Konkurrenz und Streit treten, wer mit welchen Bildern vom anderen Recht hat.

In anderen Situationen kann es geschehen, dass die Vorstellungen und Vorwürfe so mächtig sind, dass man selber beginnt unsicher zu werden und anfängt, an sich und der Beziehung zu zweifeln. Die im Raum stehenden Bilder und Vorstellungen verhindern dann das Wahrnehmen und Spüren, wer wir eigentlich sind. Manchmal verbindet es sich auch mit alten Erfahrungen, die wir tief in uns nicht vergessen haben und die wieder lebendig werden.

Das gemeinsame Leben verliert seine Lebendigkeit, wird farblos und grau.

„Geh und finde Dich selbst – so kannst Du auch mich finden.”

(Rumi)

Deshalb ist es eine kleine, aber hilfreiche Übung, wenn wir in den Schweigekursen einmal nicht mit den anderen Kursteilnehmenden in Beziehung treten müssen, uns einmal nicht in unsere üblichen, seit der Kindheit uns prägenden Wahrnehmungs- und Kommunikationsmuster verwickeln, sondern bei uns bleiben dürfen. Es ist eine Übung des Heraustretens aus solchen Mustern und Dynamiken. Und sie führt nicht in Gleichgültigkeit.

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Wer sich nach einem mehrtägigen Sitzen in der Stille von den Mitsitzenden verabschiedet, tut dies dann meist im Erleben tiefer Verbundenheit. Die Übung der Achtsamkeit verändert auch unsere Haltung zueinander. Und diese Übung und Erfahrung im Gepäck kann sehr segensreich für unsere täglichen Beziehungen sein.

Auch in ihnen können wir üben für jeden neuen Augenblick wach zu sein und zu bleiben, jede Situation als eine neue zu sehen, wahrzunehmen, was jetzt gerade passiert, was ich jetzt gerade mit meinem Gegenüber erlebe.

Meine Mitmenschen bleiben nicht immer die gleichen. In diesem Augenblick nehme ich sie wahr, wie ich sie jetzt in diesem Augenblick erlebe. Und es ist wichtig, dass ich sie nicht an diesem Erleben festbinde, sondern offen bleibe für ihre anderen Seiten.

Und das gilt auch für mich: Ich kann mich wahrnehmen, als die Person, die ich jetzt bin, in diesem Augenblick, und nicht als die, die ich sein sollte oder immer sein wollte.

Dann können sich neue Optionen öffnen. Ich kann – auch wenn es manchmal ein langer Weg ist – aus alten Verflechtungen und Dynamiken heraustreten, neu schauen, was jetzt dran ist und die Beziehung aus dieser Wachheit heraus gestalten.

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Und vielleicht können wir gemeinsam beobachten, wie sich unsere Beziehung immer wieder verändert. Denn wie wir uns verändern, älter werden, neue Erfahrungen machen, andere Wünsche und Bedürfnisse entwickeln, so verändert sich damit auch die Beziehung, in der wir leben. Sie ist nicht die gleiche, die wir vor Jahren eingegangen sind. Wir und unsere Beziehung sind in immerwährender Bewegung.

Für unser Leben und Arbeiten bedeutet das nichts anderes, als immer wieder in die Haltung des Anfängergeistes zu gehen: Mein Gegenüber, mich selber, die Situation immer wieder neu zu entdecken.

Natürlich gehört unsere gemeinsame Geschichte mit ihren Höhen und Brüchen dazu, aber sie muss uns nicht mehr dominieren und binden wie bisher. So können wir unsere Beziehung als waches Miteinander gestalten, in dem wir uns immer wieder neu voneinander berühren lassen und uns gegenseitig bereichern.

Autorinnengespräch

Der Austausch und die Reflexion zu spirituellen Themen ist eine hilfreiche Ergänzung zur eigenen Praxis. Das Autorinnengespräch mit Marianne Leverenz findet am Di., 24.05. um 19:30 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.

Marianne Leverenz ist evangelische Theologin, Paar-, Lebens- u. Erziehungsberaterin (DAJEB) und Zen-Lehrerin der Linie “Leere Wolke” (Willigis Jäger).

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