„Die transformative Kraft einer modernen spirituellen Praxis“ – Zen-Meister Manfred Rosen im Interview

Der Zen-Meister und Traumatherapeut Manfred Rosen ist in vielen Projekten der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung als Kursleiter tätig. Hier spricht er mit der für die Projektentwicklung zuständigen Mitarbeiterin der Stiftung Kerstin Rudolph darüber, wie eine spirituelle Praxis ihre transformatorische Kraft entfalten kann.

K.R.: Manfred, Du beschäftigst Dich auch im Rahmen der Stiftungsprojekte für die „Generation Zukunft“ immer wieder damit, welchen Beitrag eine spirituelle Praxis zur Gestaltung von individuellen und gesellschaftlichen Herausforderungen leisten kann. Anders als vielleicht bei einer reinen Entspannungstechnik kann es bei der spirituellen Praxis um eine innere Transformation bzw. das Gewinnen einer anderen Art von Einsicht in die Wirklichkeit gehen.

Die Praxis der Achtsamkeit, das stille Sitzen oder auch geführte Meditationen sind mit einer Vielzahl von positiven Wirkungen für Körper, Geist und Seele verbunden. Dazu gibt es eine ganze Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen.

Manfred Rosen

Zen als u.a. historischer Grundlage heutiger Achtsamkeitspraxis ist sowohl von seinem Ursprung her wie auch in seiner Geschichte eine transformative Kraft, individuell wie gesellschaftlich, vor allem wie wir es in der säkularen und transkonfessionellen Tradition des Benediktushof verstehen und weitergeben.  Es geht um einen anderen Modus der Wahrnehmung, der über ein rationales Begreifen der Wirklichkeit hinausführt und vor allem die trennende Kluft zwischen mir und der Welt überwindet. Es geht um das Erleben und Erkennen, um eine Einsicht, die jeder jederzeit in der spirituellen Praxis machen kann, allerdings unter dem Primat intellektueller Redlichkeit.

K. R.: Kannst Du die intellektuelle Redlichkeit etwas konkretisieren? Was heißt sie für Dich persönlich?

Darunter verstehe ich im Sinne des Philosophen Thomas Metzinger den bedingungslosen Willen zur Wahrheit und Erkenntnis im klaren Bewusstsein dessen, dass es die Wahrheit als Konzept nicht gibt. Sie kann aber durch eigene spirituelle Praxis angedeutet und gezeigt werden. Kritisches und vernünftiges Denken und die Praxis der Stille gehören zusammen und führen zur Aufklärung sowie geistiger Autonomie als Voraussetzungen, aktuelle Herausforderungen zu bewältigen. Es geht also nicht um ein Konzept, um eine Ideologie oder gar um  einen Glauben daran.

Wir stehen aktuell in einer Kaskade sich gegenseitig bedingender und verstärkender Krisen vor Herausforderungen, die  eine andere Wahrnehmung von uns selbst und damit eine Infragestellung unserer bisherigen Identitäten fordert.

Solange wir uns in den Mittelpunkt stellen, solange es immer nur um uns selbst geht, um die scheinbaren Bedürfnisse des Menschen und die ununterbrochene Suche nach neuen Identitäten, werden wir keine adäquaten Lösungen finden.

K. R.: Wo stellen wir uns heute noch stark in den Mittelpunkt und bemerken es gar nicht?

Wir leben immer noch kollektiv und weltweit überwiegend in einer stark anthropozentrischen Weltsicht, auch wenn der Wandel hin zu einer weltzentrischen Haltung auf vielen Ebenen spürbar ist. Gerade in Krisenzeiten wird aber der Rückzug auf immer kleinere Identitäten (mein Land, meine Gruppe, meine Familie, ich) deutlich spürbar. Mir scheint vor allem die Herausbildung von immer neuen differenzierenden Ich-Identitäten zum wichtigsten Ziele viele Menschen zu werden, welches dann viele Ressourcen bindet, die dann für eine notwendige Transformation nicht mehr zur Verfügung stehen. Statt das Einende, Gemeinsame und Verbindende zu sehen, erschöpfen wir uns in der Kreation und im Festhalten von Unterschieden.

K. R.: Wie äußert sich das große Ego, wenn ich mich doch für andere und „die gute Sache“ engagiere?

Es gibt keine „gute Sache“ als solche und doch gibt es eine Ethik des inneren Handelns, die aus der spirituellen Erfahrung entspringt, das alles mit allem zusammenhängt und nichts aus sich selbst heraus entsteht. Diese Erkenntnis relativiert das eigene Ego und damit die eigene Wichtigkeit.

K. R.: Wie können adäquate Lösungen aussehen, wie können sie sich durch oder in der spirituellen Praxis zeigen?

Adäquate Lösungen sind keine fixe und unveränderliche Konzepte. Wer in der spirituellen Praxis die Wirklichkeit als Prozess in stetiger Veränderung erfährt, muss Konzepte entwickeln und umsetzen, die offen und von Mitgefühl geprägt sind. Die Achtung vor allem,  was lebt, speist sich aus der spirituellen Erfahrung. Entscheidungen sind immer aus dieser Achtung zu treffen im Bewusstsein dessen, negative Auswirkungen zu minimieren.

Wir sind nur eine Spezies in der unendlichen Formenvielfalt unserer Mitwelt, wenn auch gerade die dominante.

Ich bin mir sicher, dass wir die notwendigen Lösungen nur finden, wenn wir unsere Haltung uns selbst und der Welt gegenüber grundlegend verändern.

K. R.: Wie konkret sieht eine andere, hilfreichere Haltung aus?

Es ist eben keine Haltung, die dir konkret sagt, was du tun oder lassen sollst, sondern die dich in deiner eigenen Verantwortung ernst nimmt. Ich bin überzeugt davon, dass unsere spirituellen Wege, damit meine ich eben die, die in der Tradition des Hauses stehen – Zen und Kontemplation –  das die zu grundlegenden Erfahrungen führen, die unsere Haltung uns selbst und der Welt gegenüber dann entsprechend verändern. Wenn ich erfahren darf, dass ich diese Welt bin und sie mir nicht möglicherweise gar feindselig gegenübersteht, kann ich ganz andere Lebensstile entwickeln. Ich habe vor allem auch meine Angst vor Einsamkeit oder Tod überwunden und brauche viel weniger Ressourcen, diese Angst zu kompensieren, beispielsweise durch übermäßigen Konsum, Zerstörung, Unterdrückung und Krieg.

Eine moderne spirituelle Praxis kann dazu beitragen.


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Manfred Rosen

Zen-Meister und spiritueller Wegbegleiter in der Nachfolge von Willigis Jäger, Zen-Linie "Leere Wolke". Lebt und arbeitet mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen auf einem Hof im Dreiländereck zwischen Deutschland, den Niederlanden und Belgien. www.zen-im-doerp.be
 
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