Auf dem Weg mit unseren (Zen-)Ahninnen

von Linda Myoki Lehrhaupt Sensei und Susanne Jushin Dittrich, Kursleiterinnen am Benediktushof

In der buddhistischen bzw. Zen-Tradition begegnen wir vielen Geschichten von männlichen Meistern, Mönchen und auch einigen Laien-Übenden. Diese Vorfahren sind wichtige Leitfiguren, wir lernen von ihnen. Aber natürlich hat es immer auch Frauen gegeben, die geübt und Erwachen erfahren haben!

Seit einigen Jahren sind in unserem westlichen Kulturkreis die Geschichten dieser Frauen zugänglicher geworden, u.a. durch das Buch „Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren, betrachtet von (Zen-)Frauen heute“ (Caplow/Moon 2016).

Uns haben diese früher so rar anzutreffenden Erzählungen und Anekdoten schon von Anbeginn unserer Zen-Praxis inspiriert: sie legen Zeugnis ab von dem Mut dieser Frauen, ihrer reichen Erfahrung, ihrer Klarheit des Geistes und ihrem Mitgefühl. Oft sind es Frauen, die mitten im Laienalltag stehen, Familie haben oder ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Manche sind auch Nonnen oder ernannte Lehrerinnen.

Und es ist, wie der Zen-Lehrer Zoketsu Norman Fisher in seinem Vorwort zum „Verborgenen Licht“ sagt: „Sie (diese Sammlung, d.V.) ist für alle – Männer und Frauen. Indem sie die Stimmen der Frauen vernehmbar macht, ermöglicht sie eine Ausgewogenheit, die der Buddhismus (wie alle Religionen) immer versprochen, aber bislang nicht eingehalten hat. Diese Sammlung ist für alle, die den unterbrochenen Kreis schließen möchten, der in sämtlichen Religionen existiert – in unseren Herzen und unserer Welt“ (S.15)

So kann der Dharma in seinem ganzen Reichtum vermittelt und erlebt werden!

Seit Jahren nutzen wir in unserer Sangha (Zen-Herz-Sangha) die Geschichten aus dem „Verborgenen Licht“ für die Übung mit Koans. Sie werden integriert in die traditionelle Koanschulung! Wir haben festgestellt: egal ob wir weiblich oder männlich sind – wir können von der weiblichen Stärke und der Tiefe der Einsicht bereichert werden!

Wir möchten beispielhaft Satsujo vorstellen, die im „Verborgenen Licht“ sogar mit 3 Geschichten auftaucht:

Satsujo bringt Hakuin zu Fall, Japan. 18. Jahrhundert

Meister Hakuin erläuterte seiner Schülerin, der jungen Laiin Satsujo, ein Koan. Dann fragte er: „Verstehst du das?“

Sie erwiderte: „Würdet Ihr das bitte noch einmal wiederholen?“

Sobald er den Mund zum Sprechen öffnete, legte sie beide Hände auf den Boden und verneigte sich. „Danke für Eure Mühe“, sagte sie und verließ den Raum, während Hakuin ihr mit offenem Mund hinterherstarrte. Hakuin rief aus: „Meine Güte! Diese schreckliche kleine Frau hat mich zu Fall gebracht!“ (Verborgenes Licht S. 235)

Hier ist eine Frau, vielleicht noch jugendlich, die mit beeindruckender innerer Freiheit den berühmten Zen-Meister Hakuin herausfordert! Er wiederum besitzt die Größe, mit Humor anerkennend auf sie zu reagieren. Was für ein Tanz! Wie ermutigend ist diese Begegnung zwischen einem sehr anerkannten männlichen Meister und dieser jungen Frau, inmitten einer äußerst patriarchal geprägten Kultur!

Satsujo hat ihr ganzes Leben weiter praktiziert und jetzt begegnen wir ihr als alter Frau:

Satsujo weint

Als Satsujo, eine großartige Schülerin von Hakuin, alt war, verlor sie ihre Enkeltochter, was sie sehr traurig machte. Ein alter Mann aus der Nachbarschaft wies sie zurecht: „Warum heulst und jammerst du so? Wenn die Menschen das hören, werden alle sagen: ‚Die alte Dame ist doch einmal bei Hakuin in die Lehre gegangen und soll erleuchtet sein, warum trauert sie so sehr um ihre Enkelin?´ Du solltest das etwas leichter nehmen.“ Satsujo starrte ihren Nachbarn wütend an und schalt ihn: „Du kahlköpfiger Narr, was weißt denn du? Meine Tränen und mein Weinen sind für meine Enkelin besser als Räucherwerk, Blumen und Lampen!“ Der alte Mann ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

(Verborgenes Licht S. 251)

Können wir sehen, was Satsujo da lehrt? Dass sie Erwachen nicht vom Leben trennt, das auch Schmerz beinhaltet? Wie verkörpern wir diese Einsicht in unserem eigenen Leben?

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