Weihnachten – Licht und Dunkelheit

von Zen-Meisterin Doris Zölls, Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

Der Monat Dezember gehört in unseren Breitengraden zur dunkelsten Jahreszeit. Schon um 17.00 Uhr hat die Finsternis alles Licht verschlungen und morgens zeigt sich erst ab 7:30 Uhr ein Silberstreif am Himmel, der den Tag ankündigt. Die Bäume sind kahl, sie wirken dunkel und abweisend, die Blumen sind abgestorben und ihre Farben sind verblasst, sogar die letzten grünen Blätter verfärben sich ins Braun. Der Geruch von Fäulnis und Tod liegt in der Luft. Die Natur scheint sich im Winter dem Sterben hinzugeben. Allein Eis und Schnee, die sich manchmal wie eine lichte Decke über Zweige und Erde legen, können diese sterbende Natur in einen weißen Palast verzaubern, in dem man sich zwar nicht niederlassen kann, doch der uns die Schönheit der Natur trotz des Todes vor Augen führt.

Hätten wir kein Feuer wie in vergangenen Zeiten oder wie heute kein elektrisches Licht, würde uns die Finsternis, das Vergehen, die Kälte und das Erstarren verschlingen. Wir müssten uns zurückziehen ins Unbewusste, in den Winterschlaf fallen, in der Hoffnung, dass diese Finsternis irgendwann vorübergeht. Welch ein Segen, welch ein Durchbruch sind doch das Feuer und das Licht. Mit Kerzen und Lichterketten können wir das Dunkle durchbrechen und so aus der finsteren Jahreszeit eine Zeit der Geborgenheit und der Besinnung zaubern.

Es ist schon verwunderlich, dass wir in solch einer herausfordernden Jahreszeit das Weihnachtsfest, das Fest der Geburt Christi feiern. Auf den ersten Blick wäre doch der Wonnemonat Mai günstiger, wo alles aufblüht, die ganze Natur in Farben und Düften schwelgt. In einem solchen Monat Geburtstag zu feiern wäre viel verlockender. Die Natur gäbe uns Grund genug.

Doch Weihnachten hat den Anspruch mehr als nur ein Geburtsfest der Natur zu sein, wo wir uns ausgelassen dem Aufblühen hingeben. An Weihnachten geht es nicht nur um eine Wintersonnenwende.

Die Christgeburt will zwar im Wandel der Natur den Wechsel vom Dunkel zum Licht feiern. Es verweist jedoch auch auf unsere Existenz als Menschen, die nach dem Lichten strebt und das Dunkle verhindern möchte. Das Dunkle wird mit dem Tod in Verbindung gebracht und das Lichte mit Geburt. Weihnachten lässt Entstehen und Vergehen ineinander verschmelzen. Licht und Dunkelheit sind nicht nur ein Wandel der Jahreszeiten, bei dem das eine auf das andere folgt, sondern in der Finsternis liegt das Licht verborgen und im Licht die Finsternis. Keines existiert für sich allein. Schauen wir in die Natur, sehen wir diese Einheit ganz deutlich. Wo ein Blatt fällt, ist bereits eine Knospe entstanden, wo die Blumen verblühen, haben sich bereits Samen über die Erde verstreut und die Wachstumskraft der Pflanzen hat sich bereits in Wurzeln und Zwiebeln gesammelt.

Weihnachten will uns bewusst machen, dass dort, wo etwas vergeht, Neues bereits besteht. Sterben und Geborenwerden sind eins, Trauer und Freude gehen ineinander über. Die Gegensätze, die normalerweise unsere Welt ausmachen, stehen sich hier nicht gegenüber, sie schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern sie sind eins, in jedem wohnt das andere inne, ohne das eine gäbe es das andere nicht.

Christus heißt wahrer Mensch und wahrer Gott, Menschliches und Göttliches sind eins. Unendliches ist gleich dem Endlichen und Endliches ist gleich dem Unendlichen.

Heute, in dieser Zeit der Pandemie, wird dies zu einem wichtigen Impuls. Konnten wir die letzten Jahre durch das Lichtermeer der Einkaufsstraßen und Christkindlmärkte in einen Taumel der Geschäftigkeit und Ablenkungen fallen, uns ganz dem „Lichten“ hingeben, werden wir dieses Jahr dieser Gewohnheiten beraubt und vor die Entscheidung – nicht vor die Wahl – gestellt, uns dem Vergehen und der damit verbundenen Trauer und Einsamkeit zu stellen. Wir können nicht mehr wegschauen und nur die glitzernde Seite des Lebens im Blick haben. Krankheit und Tod sind auf einmal jedem nahe, es sei denn, er sieht nicht hin, lenkt sich ab und steckt wie der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand.

Doch Weihnachten möchte kein liebliches Fest sein, das nur eine Seite des Lebens beleuchtet. Es zeigt die Gegensätze auf – von arm und reich, ausgestoßen und angenommen, von menschlich und göttlich. Es will die Einheit von beiden Polen sichtbar machen. Wir feiern die Geburt Christi, wir feiern, dass Menschliches wie Göttliches sich nicht mehr ausschließen, Endlichkeit wie Unendlichkeit ineinander verwoben sind, Gott sich im Dunklen wie im Lichten manifestiert.

„Das Göttliche ist gleich dem Irdischen,
das sich in allem stets unterschiedlich zeigt.
Alles ist gesegnet,10.000fach gesegnet!
Sind dies eins?
Sind dies zwei?”

Doris Zölls – frei nach Meister Mumon


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Doris Myôen Zölls

Evang. Pfarrerin i. R., Zen-Meisterin der Zen-Linie "Leere Wolke" (Willigis Jäger), Mitglied im Präsidium der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung.
 
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