Verletzungen und Demütigungen

von Zen-Meisterin Doris Zölls, Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

„Da wir das Leben nicht verstehen, entstehen Verletzungen und Demütigungen. Wir schlucken und teilen aus, bewusst oder unbewusst, und sind in der irrigen Meinung das wäre das Leben.”

Doris Zölls

Unendlich sind Verletzungen und Demütigungen im Leben, nicht nur bei den Menschen, sondern bei allen Wesen. Dabei geht es nicht nur um körperliche Verletzungen, auch die seelischen sind unzählbar. Wir sind heute zum Glück in einer Zeit und Gesellschaft, wo Schläge nicht mehr auf der Tagesordnung stehen. Sie sind sogar verboten und wenn einem zum Beispiel als Lehrer „die Hand ausrutscht“, muss man sich sofort bei dem Kind, bei den Eltern entschuldigen und es den Kollegen melden, um den Schaden zu begrenzen und sich seiner Unbeherrschtheit bewusst zu werden.

Wir wissen heute, Schläge, die fast immer mit aggressiven Emotionen verbunden sind, verursachen tiefe Wunden, die man sein ganzes Leben mit sich trägt. Doch das ist nicht nur bei körperlichen Verletzungen der Fall. Nicht zu übersehen sind die psychischen Verletzungen. Sie werden leicht heruntergespielt, da sie sich leicht verstecken können, äußerlich kaum  erkennbar sind, und doch setzen sie einen tiefen Stachel, der uns ein ganzes Leben lang bluten und entweder Depression oder Wut eitern lässt. Manche werden durch die vielen Verletzungen dünnhäutig, ziehen sich zurück, haben Angst vor den Menschen und dem Leben. Andere wiederum legen sich einen Panzer an, werden unnahbar, kalt und oftmals sarkastisch.

Der Dichter Georg Trakl schrieb in einem Gedicht die Worte: „Schmerz versteinerte die Schwelle.“ Allein diese Zeile machte mir bewusst, was Demütigungen anrichten und wie leicht sie dazu führen können, sich dem Leben und den Menschen zu verweigern und eine unüberwindbare Schwelle zu zementieren.

Auch wenn wir noch so aufpassen, Verletzungen und Demütigungen können wir nicht entgehen. Jede Blume muss Hagel und Unwetter, Hitze und Kälte, Tritte und ein Herausreißen aushalten. Tiere werden gejagt und gerissen von ihresgleichen und – vor allem von Menschen – geschunden. Und uns Menschen geht es nicht viel besser. Wir verletzen uns so sehr, wenn nicht mit Schlägen, dann mit Worten, oft unbewusst, weil wir den anderen nicht verstehen, ihn nicht in seinem Sosein erkennen. Wir sehen nur uns selbst, wollen gut dastehen, uns durchsetzen, uns nichts gefallen lassen oder auch uns nur schützen. Wir  verletzen uns aber auch absichtlich, rächen uns vielleicht aus Wut, aus Neid oder Stolz. Es gibt so viele Gründe, die uns die Grenze des anderen missachten lassen.

Ein Abt versammelte einmal alle Novizen um sich, es waren viele Kinder und Jugendliche dabei. Es hatte viel Streit untereinander gegeben, Schlägereien, Schimpfworte waren gefallen, Beleidigungen wurden ausgeteilt. Er fragte in die Runde, wie viele denn schon bei den Handgreiflichkeiten verletzt worden seien. Einige Hände wurden gehoben und sie berichteten, welche Wunden sie davon getragen haben. Jetzt fragte der Abt, wie viele denn Opfer von beleidigenden Worten geworden seien. Viele Hände waren auf einmal zu sehen. Der Abt  erkundigte sich danach: „Wer leidet noch unter den körperlichen Verletzungen?“ Dieses Mal waren es nur ein paar Novizen, die sich meldeten. „Wie viele leiden noch an den seelischen Verletzungen“, fragte der Abt in die Runde. Fast alle hoben ihre Hände und schauten sich erstaunt an. Der Meister meinte daraufhin: „Seht, welche Spuren wir mit beleidigenden Worten hinterlassen können!“

Buddha hat der „rechten Rede“ eine eigene Stufe auf seinem achtfachen Pfad gewidmet. Mit rechter Rede meinte er keine schönen Worte. Rechte Rede ist für ihn durchdrungen von Bewusstheit, die spürt und sieht, was den anderen bewegt, ihn in seinem Ganzen versteht und erkennen lässt, dass wir vom anderen nicht getrennt sind.

Doch nicht nur der andere will gesehen werden, auch wir wünschen uns, verstanden zu werden. Geschieht dies nicht, ist es hilfreich, den Schmerz der Verletzung zu spüren, sich dessen bewusst zu werden und ihn anzunehmen. Die Verletzungen in uns können nur heilen, wenn wir diesen Schmerz der Zurückweisung zulassen lernen, auch wenn er noch so weh tut. Ihn zu ignorieren, ihn zu verdrängen, ist nicht möglich. Er wird immer einen Weg finden, sich irgendwo zu zeigen. Schmerz will ausgeweint werden, wir sollten ihn solange in uns spüren, bis wir sagen können: „ja, er gehört zu meinem Leben; ich lebe mit ihm; er gibt mir die Kraft, die Verletzlichkeit der Wesen zu spüren; er lässt mich erkennen, was schmerzt. Unsere Übung des Sitzens in der Stille stärkt in uns diese Kraft der Intuition. Sie ist die Gabe, mehr zu sehen, als nur das, was man denkt. Sie lässt uns erkennen, was wirklich ist. Sie öffnet uns die Zusammenhänge unserer Aussagen, unseres Handelns und die des anderen. Lassen wir die Kraft der Intuition zu, kommen uns, wie von allein, Worte über die Lippen, die den anderen nicht verletzen, ihn in seiner Persönlichkeit nicht demütigen und gleichzeitig verstehe ich auch aus welcher Verletztheit seine vielleicht sehr demütigenden Worte kommen und der Stachel bohrt sich nicht mehr so tief in uns hinein.

In dem letzten Bild des Zyklus des „Ochs und sein Hirte“ steht so wunderbar: „Mit entblößter Brust und nackten Füssen geht er herein auf den Marktplatz …“ Das heißt: Unsere Übung legt uns keinen neuen Panzer an, versteinert nicht die Schwelle. Die Übung macht uns sogar verletzbar und wir spüren unter unseren Füßen jeden Stein.

Doch die Verletzungen dürfen uns nicht von der Lebendigkeit trennen. Das gelingt nur, indem wir Schmerz spüren lernen, ihn ausweinen, ihn „ausschmerzen“ und durch ihn hindurch wieder weitergehen können. Möge uns allen diese Kraft der Stille zuteilwerden, damit Wunden heilen können und keine neuen geschlagen werden.


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Doris Myôen Zölls

Evang. Pfarrerin i. R., Zen-Meisterin der Zen-Linie "Leere Wolke" (Willigis Jäger), Mitglied des spirituellen Beirates des Benediktushofes und Mitglied im Präsidium der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung.
 
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