Erwachen im Alltag – Koans, die das Leben schreibt

Buchbesprechung von Ute Ries, Zen-Lehrerin der Zen-Linie Leere Wolke

„Im Oktober letzten Jahres kam unter dem Titel „Erwachen im Alltag – Koans, die das Leben schreibt“ die deutsche Übersetzung des Buchs „The Book of Householder Koans“ heraus, das 2019 in den USA erschienen ist.

In diesem Buch haben die beiden amerikanischen Zen-Meisterinnen Eve Myonen Marko und Wendy Egyoku Nakao Begebenheiten und Situationen aus dem modernen Alltagsleben von Laienpraktizierenden zusammengestellt, die dazu einladen als moderne Koan unsere Praxis zu bereichern.

Aus der klassischen Koan-Schulung kommend habe ich mit den traditionellen Koan* aus den historisch überlieferten Sammlungen über 19 Jahre intensiv praktiziert. Ich fühle mich der traditionellen Koan-Schulung deshalb sehr verbunden und konnte mir zunächst nicht vorstellen, dass moderne Koan in ähnlicher Weise in ein tiefes Erleben führen können.

Wie wurde ich da eines Besseren belehrt!

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Ohne die historische und kulturelle Distanz, treffen die Geschichten noch unmittelbarer ins Schwarze, fordern mich noch direkter heraus, fordern mein ganzes Mensch-Sein.

Die in diesem Buch vorgestellten Geschichten stammen von Menschen aus vier verschiedenen Ländern, die zuhause praktizieren und handeln von ganz Alltäglichem: Kinder aufziehen, Beziehungen zu Freunden, Nachbarn und zwischen Männern und Frauen, Hektik bei der Arbeit, Fürsorge für die, die unsere Unterstützung brauchen und die Begegnung mit Alter und Tod.

Wie können wir die alltäglichen Situationen unseres heutigen Lebens in eine Koan-Praxis umwandeln? Wie kann es gelingen jede Situation, die uns herausfordert, als Tor zum Erwachen zu nutzen? Können wir es zulassen, dass unsere Denkkonzepte erschüttert werden und uns dem öffnen, was dann geschieht?

Das zu ergründen, laden uns die Koan-Geschichten aus dem Buch „Erwachen im Alltag – Koans, die das Leben schreibt“ ein. In Ihrem Vorwort schreiben die beiden Autorinnen:

„Eine Lebenssituation wird dann zu einem Koan, wenn sie deine Denkgewohnheiten erschüttert und dich aus dem dualistischen Modus von Beobachter*in und Beobachtetem, an den wir uns so sehr gewöhnt haben, herauskatapultieren. Sie wird dann zur Koan-Praxis, wenn du über die Situation nicht länger nachdenkst, sondern stattdessen die Kluft zwischen Subjekt und Objekt, zwischen dir und dem, womit du konfrontiert bist, schließt. Statt die Umstände deines Lebens zu betrachten, tauchst du ein in deren Klang, Geruch, Geschmack und spürst, wie es sich anfühlt.“

Die klassische Koan-Schulung setzt eine Lehrer-Schüler-Beziehung voraus und wird traditionell im direkten Gegenüber von Lehrer und Schüler im Dokusan praktiziert.

Die modernen Koan eröffnen uns, ebenso wie auch die Koan aus der 2016 erschienenen Sammlung „Das verborgene Licht“, die Möglichkeit auf neue Weise mit Koan zu arbeiten.

So habe ich vor einigen Jahren in einem Workshop mit Suzan Moon, einer der Autorinnen der Sammlung „Das verborgene Licht“, die Koan-Arbeit in Form des Kreisgesprächs kennen gelernt. Diese Herangehensweise hat mich zutiefst beeindruckt und zur Gründung einer Frauengruppe inspiriert, die sich seit mittlerweile sechs Jahren regelmäßig zur Betrachtung der Koan aus der Sammlung „Das verborgene Licht“ trifft.

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Bei der Koan-Betrachtung im Kreisgespräch gibt es keine Hierarchie, insbesondere keine Lehrer-Schüler-Hierarchie. Alle Beteiligten, seien sie nun jahrelange Zen-Praktizierende oder Anfänger*innen, sind im Kreis gleichberechtigt und jeder Beitrag ist gleich gültig.

Indem nacheinander jede Teilnehmer*in ihr Erleben mit dem Koan aus ihrem tiefen Herzen in die Mitte des Kreises spricht, während die anderen von ganzem Herzen zuhören, entsteht etwas Gemeinsames. Ein Erkennen, das aus der Gruppe erwächst, vielschichtig ist und weit mehr als die Summe der einzelnen Beiträge.

Damit das funktioniert braucht es einen geschützten Rahmen und ein paar Regeln. Wir befolgen bei den Kreisgesprächen fünf einfache Regeln, die Joan Halifax zusammengestellt hat und die sich auch im Counceling der Bernie Gasmann Linie wiederfinden.

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Für mich ist das Kreisgespräch eine wunderbare Möglichkeit neben der traditionellen Koan-Schulung, die nach wie vor ihre außerordentliche Bedeutung behält, neue Formen der Koan-Arbeit zu erproben. Formen, die den Geist der Gemeinschaft nähren und uns bei aller Individualität unsere Allverbundenheit erleben lassen.“

 

Ute Ries ist Zen-Lehrerin der Zen-Linie „Leere Wolke“ (Willigis Jäger) und Yoga-Lehrerin (BYV). Seit 19 Jahren Zen-Praxis mit Koan-Schulungen bei den Zen-Meisterinnen Doris Zölls und Paula Weber. Leitung sowie Kurse im Zen-Zentrum Nürnberg. www.zen-nuernberg.com

*Koan: ist eine Art Meditationsaufgabe. In der Regel handelt es sich dabei um eine paradoxe Kurzgeschichte. Ein Koan animiert den Geist zunächst einmal zum Denken, bis der Übende einsehen muss, dass ein Koan nicht mit dem Intellekt gelöst werden kann. Im Japanischen Zen Buddhismus spielen Koans eine besondere Rolle. Der Übende bekommt einen Koan und soll dann solange intensiv darüber nachdenken bis er über den Intellekt hinaus wächst und in Satori, ein Erleuchtungserlebnis kommt. Es gibt z. B. die Frage: Wie klingt das Klatschen von einer einzelnen Hand? Zwei Hände klatschen und geben einen Klang. Wie ist der Klang einer Hand?

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