Da sein ist der erste Schritt

von Manfred Rosen – Ein Impuls anlässlich der aktuellen Überflutungen

In den Überflutungsgebieten hier in meiner Nähe wie auch in der alten Heimat Eifel stehen viele Menschen vor dem Nichts. Die Flut hat ihnen das Vertraute und oft auch das Vertrauen genommen. Viele sind schockiert und traumatisiert.

Die gewohnte und sichere Umgebung, das Zuhause und der Garten, zum Teil auch die Arbeit und die Infrastruktur sind plötzlich nicht mehr da. Schlimmer noch, es sind auch viele gestorben, die geliebt und gebraucht wurden.

 

Unzähligen Menschen widerfährt täglich dieses Schicksal irgendwo auf dieser Erde. Seit gestern gibt es ähnliche Bilder wie hier aus China.

Normalerweise sind diese Ereignisse weit weg von uns. Diesmal ist es anders. Diesmal sind Menschen aus unserer Nähe in unvorstellbarer Weise betroffen.

Die Welle der Hilfsbereitschaft ist groß. Die meisten materiellen Schäden lassen sich ersetzen. Aber das wird etliche Jahre dauern. Für die jungen Betroffenen mag das kein so großes Problem sein. Vielleicht wird vieles schöner und besser. Für die älteren Menschen ist es besonders schwierig. Viele haben einfach keine Kraft mehr, noch einmal von vorne zu beginnen und sich etwas aufzubauen.

Ihnen jetzt einfach zuzuhören und für sie da zu sein, ist das Wichtigste. Mitzuweinen, aber dabei nicht aufzugeben, mitzutrauern ohne verloren zu gehen. Auszuhalten, dass jetzt gerade kein Trost möglich ist, dass jetzt gerade keine Lösung zu finden ist.

„Sich zum Nichtwissen und zur Ohnmacht bekennen.

Das ist der erste Schritt.”

Vor dem Nichts stehen, den Boden unter den Füßen verloren zu haben, alles wurde weggenommen, was in einem Leben aufgebaut wurde. All das, womit sich die meisten von uns identifizieren. Ich bin doch vor allem das, was ich habe. Und wenn ich nichts mehr habe, dann bin ich nichts und dann will ich auch nicht mehr sein.

Auf unseren spirituellen Wegen hören wir immer wieder von diesem Nichts, das uns letztlich ausmacht. Wie wichtig es ist, ganz in diesem Augenblick zu sein und an nichts zu haften, um dieses Nichts nicht als eine furchtbare Höllenqual zu erfahren sondern als die Fülle unseres Daseins, ja, als die Liebe selbst.

Anhaften und abweisen ist der Ursprung von all unserem Leiden. Den Augenblick und das Leben so zu erfahren, wie es gerade ist, ist der Weg des Glücks. Annehmen und loslassen, Einatmen und ausatmen, das ist der Rhythmus unseres Lebens.

Das letztere klingt zynisch angesichts dessen, was gerade geschehen ist. Diese Worte dürfen nicht dazu dienen, andere zu überzeugen oder gar trösten zu wollen. Diejenigen die jetzt leiden, brauchen keine klugen Worte. Abgesehen von vielen unabdingbaren Hilfen, den Alltag jetzt zu bewältigen, brauchen sie einfach nur unser Dasein, unsere Präsenz. Daraus kann dann ganz zart ein Neuanfang entstehen, Schritt für Schritt.


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