Bist Du bereit zu sterben? – Jetzt!?

von Albert Pietzko

Der Anführer einer wilden Horde von Kriegern zog in China über das Land,plünderte, verwüstete Dörfer und Städte und tötete Menschen. Überall herrschte Angst und Schrecken und die Menschen fürchteten sich vor dem Auftauchen der Mörder und Plünderer. Ihr Streifzug führte sie zu einem Kloster. Dort angekommen, verlangte der Anführer der Horde, den Vorsteher des Klosters zu sprechen. Die Mönche, voller Angst um ihr Leben, eilten zu ihrem Meister. Dieser kam nach einer Weile in den Vorhof des Klosters, trat vor den Anführer und schaute ihm schweigend tief in die Augen. Der Anführer war, ob dieser Kühnheit, überrascht. Gereizt schrie er den Meister an: „Ist Dir nicht bewusst, dass ich Dich, ohne zu zögern, auf der Stelle töten kann?“  Der Meister sah ihn weiter ruhig an und antwortete: „ Bist Du Dir nicht bewusst, dass ich, ohne zu zögern, bereit bin, auf der Stelle zu sterben?“  Da ließ der Anführer seine Waffen fallen und kniete nieder.

(aus China – frei zusammengefasst)

Die Angst zu sterben hält uns am Leben. Die Angst zu sterben hindert uns am Leben.

Aus der existenziellen Urangst des Menschen vor dem Sterben wurden die kreativsten und größten Erfindungen und kulturellen Leistungen der Menschheit erschaffen: Behausungen, Infrastrukturen zur Verteidigung und Kriegsgerät, Gesundheitswesen und medizinisches Wissen und Forschung, Versicherungswirtschaft und Lebensversicherungen und schließlich Religionen mit Vorstellungsmythen über ein Leben im Himmel und die Idee der Reinkarnation.

Heute, angesichts der Bedrohung durch ein Virus, werden die Urängste vor dem Tod permanent aktiviert. Dabei ist das Sterben und der Tod eine allgegenwärtige Möglichkeit. Auch ohne Pandemie. Wissen wir, ob wir abends nach der Arbeit wieder nach Hause kommen? Wissen wir, ob wir im kommenden Jahr noch so gesund sind wie heute, oder überhaupt noch leben?

Unsere Vorstellungen und Konzepte über das Leben, das Sterben und den Tod bestimmen große Teile der Lebens- und Alltagsgestaltung. Die Sorge gesund zu sein bzw. nicht krank zu werden, kann dabei auch pathologische Formen annehmen, sodass das gesamte Handeln und Denken davon bestimmt wird.

Sind wir bereit zu sterben – in jedem Augenblick?

Bereit sein zu sterben heißt, bereit sein sich dem Unbekannten, dem Tod hinzugeben, sich der Auflösung von ALLEM zu öffnen. Jetzt!

Die Angst vor dem Tod und die Fixierung auf das „Nicht sterben wollen“ kann dazu führen, dass wir das Leben in seiner Tiefe und Weite, seinem Zauber und seiner unermesslichen Vielfalt nicht mehr spüren. Leben gebiert sich in jedem Moment neu. Jeder Augenblick ist Ausdruck und Manifestation des Lebens.

Leben ist „Jetzt“, Leben ist dieser Augenblick, Leben ist dieser eine Wimpernschlag und dieser eine Atemzug.

Was will noch alles getan werden, was muss noch geregelt werden, was will noch gesprochen werden, was will noch erlebt werden, was will noch einmal gefühlt werden, wovon will noch bewusst Abschied genommen werden? Was ist der „letzte Wille“? Diese Fragen beschäftigen viele Menschen, die um ihr nahes Sterben wissen.

Vielleicht wollen wir dieses Leben bis an seine Grenzen auskosten. Alles Erlebbare erleben. Die Gier nach mehr und noch mehr verhindert den Blick auf die Essenz des Lebens. Es geht nicht um ein „gefülltes Leben“ sondern um ein „erfülltes Leben“. Ist mein Leben jetzt, in diesem Augenblick, während des Lesens dieser Gedanken, erfüllt? Bin ich bereit zu sterben – jetzt?

Der Mensch will gestalten, aktiv das Leben füllen und fühlen, mitwirken und bestimmen – bis dahin, auch den Zeitpunkt und die Form des Sterbens zu gestalten. Das EGO, das ICH-Zentrierte, die Konzepte und Konstrukte des Denkens, Fühlens und Handelns wollen nicht aufhören, sich immer neue Bilder und Ideen von einem guten Leben zu kreieren.

“Leben will leben, inmitten von Leben, das leben will.”

nach Albert Schweitzer

Der Wille scheint eine besondere Kraft und Faszination zu sein. Doch das Leben ist größer als unser Wille: „Leben ist Leben, inmitten von Leben, das lebt“. Leben ist einfach da – es lebt sich – auch in uns und durch uns.

Bist Du bereit zu sterben – jetzt?

Bereit sein zu sterben – und gleichzeitig leben wollen. Es ist wie ein Tanz zwischen diesen beiden Polen: Hingabe an den Tod – Hingabe an das Leben. Das Größere hinter beiden Aspekten, das Umschließende dieser Pole, das Aufhebende hinter dieser Widersprüchlichkeit ist die Liebe.

In der Liebe zum Leben ist verborgen die Sehnsucht nach dem Einen, der Ganzheit, der Vollendung – und dazu gehört der Tod. Leben in seiner wesenhaften Natur schließt den Tod mit ein. Im Angesicht des Todes zu leben, intensiviert Leben, macht achtsam, feinspürig, dankbar und erfüllt den Augenblick mit liebevoller Wachheit für das was ist. Leben vollendet sich im Tod – in diesem letzten Akt der Hingabe.

Bist Du bereit zu sterben – jetzt?

Es geht nicht um noch mehr, nicht darum alles noch einmal zu sprechen, alles noch einmal zu erleben, alles noch einmal zu fühlen, alles noch einmal …und noch einmal …….:

Jedes Leben – unabhängig davon wie viele Jahre es dauert – ist zu jedem Zeitpunkt erfüllt.

Es geht darum, in Liebe zu leben. Jeden Augenblick. Denn in jedem Augenblick erfüllt sich ALLES.


Beitragskategorien

Verletzungen und Demütigungen

Verletzungen und Demütigungen

14. November 2020
von Doris Zölls | Unendlich sind Verletzungen und Demütigungen im Leben, nicht nur bei den Menschen, sondern bei allen Wesen. Dabei geht es nicht ...
Intro – Vorwort von Paul Kohtes

Intro – Vorwort von Paul Kohtes

13. November 2020
Der Vorsitzende des Präsidiums der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung zum Stiftungs-Symposium digital "KI-wertlos, wertvoll oder Wahnsinn?" ...
Einstieg ins Thema – Verwirrungsmaschinen. Künstlicher Intelligenz begegnen

Einstieg ins Thema – Verwirrungsmaschinen. Künstlicher Intelligenz begegnen

13. November 2020
Der Vortrag von Dr. Manuela Lenzen führt in das Thema KI ein und schafft auch für Laien eine Grundlage, sich dem Thema sachlich zu nähern. ...