„Einfach mal ’nen Apfelbaum pflanzen…
oder Unmengen Toilettenpapier kaufen?“

von Daniel Rothe, Lehrer der Kontemplationslinie Wolke des Nichtwissens und Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

Ich konnte es kaum glauben, als ich vor drei Wochen las, dass in Australien ein Kampf um Toilettenpapier entbrannt war. Dann war ich einkaufen und sah selbst im Supermarkt die leeren Regale. Bald hörte ich viele derartige Geschichten des Kampfes ums Toilettenpapier beim Einkaufen auch hier bei uns. Irgendwie scheint ein großer Vorrat von Toilettenpapier in Zeiten von Corona zu beruhigen. Darüber könnte man schmunzeln oder auch ins Staunen geraten, wie wir in der aufgeklärten westlichen Welt mit Angst umgehen.

Es sieht so aus, als würde an dieser Stelle unser gesamtes archaisches Erbe offenbar. Plötzlich scheinen wir nicht mehr die coolen, intelligenten und zivilisierten homo sapiens des 21. Jahrhunderts zu sein, wie unsere Kultur in Abgrenzung zu einem vermeintlich dunklen Mittelalter häufig suggeriert. Wir waren es nie. Ohne ein Phänomen wie Corona konnte unsere Kultur die Angst, die menschliches Bewusstsein in weit größerem Maße bestimmt als uns lieb ist, wie hinter potemkinschen Dörfern leicht verstecken. Das funktioniert nun plötzlich nicht mehr. Unser enormer Bedarf an Toilettenpapier verrät diese Strategie. Das ist äußerst unangenehm.

Als ich in Mainz mit einer Kollegin über diese Situation sprach, sagte sie mir, dass sie am Vortag ein Apfelbäumchen gepflanzt habe und in Zeiten von Corona relativ gelassen sei. Schnell war uns klar, dass das Pflanzen des Apfelbäumchen genauso irrational ist wie der übermäßige Kauf von Toilettenpapier.

Aber es gibt einen zentralen Unterschied zwischen diesen beiden Strategien. Der liegt allein in seiner sozialen Komponente. Wer einen Apfelbaum pflanzt, schädigt damit im Allgemeinen nicht seine Mitmenschen. Denn es ist unfair, die Bedürfnisse der Mitmenschen außer Acht zu lassen, die beim Einkaufen lediglich ihren normalen Bedarf an Toilettenpapier decken wollen, und stattdessen zu „hamstern“.

Und apropos finsteres Mittelalter: Meister Eckhart war derjenige, der Ende des 13. Jahrhunderts den Begriff der Gelassenheit in unsere Sprache einführte. Ihm war bewusst, dass dies eine dem menschlichen Bewusstsein angemessene Grundhaltung sei.

Niemand kann ohne Angst leben. Aber niemand muss auf seine Angst fixiert sein. Das ist m. E. ein zentraler Aspekt der Gelassenheit. Diese ist natürlich nicht irgendwann erreicht und dann ist es gut. Vielmehr muss sie in einem lebenslangen Prozess eingeübt und gepflegt werden. Dazu braucht es, wie in einem Fitnessstudio, eine konkrete Praxis und angebrachte Strategien.

Also gilt es Apfelbäumchen zu pflanzen, zu meditieren, Yoga oder Ikebana zu machen, Gedichte zu schreiben oder vieles mehr, was eine gute Praxis darstellt, um zur Gelassenheit zu kommen. COVID-19 ist jedenfalls eine Lungen- und keine Magen-Darm-Erkrankung. In Anbetracht dessen sollte die Sache mit dem Toilettenpapier nochmals überdacht werden.

Und last but not least: Plötzlich entpuppt sich das Einüben von Gelassenheit nicht als eine nette Angelegenheit für spirituell Interessierte. Vielmehr scheint diese Praxis ein sehr angemessenes Programm für uns Menschen des 21. Jahrhunderts zu sein.

Also, gute Strategien sind gefragt, Gelassenheit einzuüben. Werden und bleiben wir gelassen.


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Daniel Rothe

katholischer Theologe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Religionsphilosophie und -wissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Promotion zum Thema "Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht. Metaphorik und religiöses Erleben im 21. Jahrhundert", Kontemplationslehrer der Linie "Wolke des Nichtwissens" (Willigis Jäger). www.jetztundhier-bensheim.de