Wahre Schönheit – Wo der Himmel die Erde berührt

von Fernand Braun, Kontemplationslehrer am Benediktushof

Vor einiger Zeit las ich einen Artikel über das „Ideal der Schönheit“ im Zeichen der Pandemie. Der besagte Artikel postuliert, dass „Schönheit“ ein allgegenwärtiges Thema sei und die Frage nach dem „Schönen“ interessanterweise nochmals durch die Pandemie verschärft ins Bewusstsein des Menschen gehoben wurde. Warum?

Durch den verordneten Lockdown mussten viele ins Homeoffice ausweichen und sich und die anderen über längere Zeit im „Spiegel“ von Skype oder Zoom betrachten. Dadurch wurde das anerzogene bzw. übernommene Schönheitsideal vieler gehörig herausgefordert. Die Konsequenz ist, dass die plastische Chirurgie selten so viel zu tun hat wie jetzt. Erstaunlich viele finden sich nicht schön.

„Lust liegt darin, dass die Blumen erblühen und aus den Knospen sich entfalten –

ebensolche Lust liegt darin, dass die Blütenblätter welken und zu ihrem Ursprung zurückkehren“

(Rumi)

Ich habe zwei Wochen am Nordseestrand verbracht und war fasziniert von dem Rauschen der Wellen, von den abendlichen Sonnenuntergängen über dem Meer, selbst die an den Strand gespülte Qualle oder das Geschrei der Möwen – alles hatte seine Faszination. Eine innere Harmonie, ein unsichtbares, lebendiges Gewebe schien alles zusammenzuführen und miteinander zu verbinden. Eindeutig – das Leben ist schön! Die Dinge sind, wie sie sind – vollkommen in ihrer Schönheit!

Es gab Augenblicke, die waren nicht so „schön “; keineswegs dramatisch, aber irgendwie störend. Beginnend mit dem allmorgendlichen „Ritual“: der zögernd-scheue Blick auf die Waage in der Ecke des Bades, die verschlafenen Augen und das verknautschte Gesicht im Spiegel. Der noch verträumte Geist am Morgen nimmt im Laufe des Tages eine mehr oder weniger kritische bis nörgelnde Haltung ein. Ein Schild im Einkaufsmarkt bringt es auf den Punkt: „Mit Abstand bist du der/die Schönste!“ Das Empfinden von Verbundenheit und Harmonie löst sich durch die Maskenpflicht und Distanzwahrung langsam auf. Das ist nicht so schön!

Was ist Schönheit? Reines Offensein. Eine Blume anschauen, ohne sie zu bestimmen. Einen Menschen (eine Situation) annehmen, so wie er (sie) ist, schreibt Willigis! Reine Offenheit, Gegenwärtigkeit – einen wachen Geist, den unverstellten Blick eines Kindes braucht es, um wahre Schönheit erkennen und wahrnehmen zu können. Es bedeutet tiefer zu schauen. An den selbstgemachten Bildern nicht hängen zu bleiben, hinter Vorstellungen und Ideale zu blicken und zu erkennen, dass wirkliche Schönheit – wie das Wahre und Gute – ein göttliches Attribut ist, etwas Unaussprechliches, von dem wir uns angesprochen fühlen, eine innere heilige Essenz, die dem Leben eigen ist.

Allenfalls sehen wir und sehen doch nicht, hören wir und hören doch nicht! „Unsere Augen und Ohren hergeben und lernen, mit Gottes Augen und Ohren wahrzunehmen!“, so beschreibt es Dorothee Sölle. Es gilt, sich gegen einen „freudlosen, antimystischen Zustand“ (Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand) zu wenden, eine Spiritualität von Lust und Freude zu entwickeln, sich der „Lebensfaulheit“ zu widersetzen, die sich zwar mit vielem beschäftigt, dabei aber das Eigentliche vergisst: den „Gottesglanz zu suchen und ihn herauszuputzen“.

Erfahren wir Schönheit, erwachen wir und werden fähig zur echten Hingabe.

Geht der Blick für das Schöne – und damit auch für das Gute und Wahre – verloren, ist die Gefahr groß, dass wir einer egozentrischen Gläubigkeit verfallen und uns jede Freude abhanden kommt. Schönheit ist alles andere als glatt und einfach. Auch das zerfurchte und faltige Gesicht von alten Menschen oder eine karge Landschaft kann schön sein. Selbst angesichts des Todes kann etwas von dieser unzerstörbaren Schönheit aufleuchten.

Christoph Schlingensief schrieb das „Tagebuch einer Krebserkrankung“. Es ist ein bewegendes Protokoll innerer Selbsterforschung. Er stellt sich den Fragen, die ihm durch die Krebserkrankung aufgezwungen werden; die Frage des Scheiterns, die Frage nach Gott, nach sich selbst und dem Leben, dessen Tempo zu schnell geworden ist und für ihn keinen Platz mehr bereit hält. Es bleibt der quälende Gang durch den Schmerz hindurch ins Ungewisse. Letztlich ist das Buch eine Liebeserklärung an das Leben. Der Titel des Buches lautet: „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein.“

Eine tiefe Lust und Freude im und am Leben bringt es zur Sprache. Und da ist wieder dieser Moment: „Wo der Himmel die Erde küsst und mich zum Hiersein verführt“

Lust liegt darin, dass die Blumen erblühen
und aus den Knospen sich entfalten –
eben solche Lust liegt darin,
dass die Blütenblätter welken
und zu ihrem Ursprung zurückkehren
(Rumi)


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