Neue Augen

von Zen-Meisterin Doris Zölls, Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

„Das Leiden beginnt sich aufzulösen, wenn wir fähig sind, den Glauben oder die Hoffnung, dass es irgendwo einen Ort gibt, an dem wir uns verstecken können in Frage zu stellen.“

Pema Chödrön

Diese Worte von Pema Chödrön lesen sich sehr leicht, doch sie in den Alltag umzusetzen, bedarf einer großen Wachheit. Unser „Alltagsgeist“ ist ständig damit beschäftigt, sich vorzustellen, wie und wo es anders besser sein könnte. Unentwegt kommentiert er, was sich ändern soll. Sogar wenn es uns gut geht, ist er damit nicht zufrieden, sondern malt sich aus, wie man es noch verbessern oder es festhalten könnte. Manchmal sieht er das Glück nicht einmal mehr, sondern baut schon Ängste auf und überlegt, was zu tun ist, wenn es sich wieder zum Schlechteren wendet.

Passen wir nicht auf diesen Geist auf und lassen solchen Gedanken freien Lauf, können wir nichts genießen. Diese Geistesstruktur ist so tief in uns verankert, dass wir nichts Schönes mehr wahrnehmen können, ohne dass sich der Mantel der Kritik darauflegt. Gewähren wir diesem Denken nicht Einhalt, verselbständigt es sich sogar und übernimmt die Macht. Im Alter wird es dann sehr deutlich, wie uns das Negative besetzt hält und wir ihm nicht mehr entkommen können. In Krisenzeiten ist dieser Geist besonders aktiv, nichts passt mehr, alles soll anders sein, alle machen alles verkehrt. Diese Gedanken haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Sie sind Interpretationen, gefärbt durch die Brillen, durch die wir auf die Dinge schauen. Sie lassen uns leiden. Wer jedoch möchte das schon? Wir alle möchten glücklich sein. Pema Chödrön verweist darauf, welche Richtung wir einschlagen können, um diesem Teufelskreis des Leidens zu entkommen.

Wir sollten diesen nörgelnden Geist in die Schranken verweisen. Als erstes ist es wichtig zu erkennen, dass es eine Geistesstruktur ist und nicht die Wirklichkeit selbst. Dies bereits zaubert ein Lächeln auf unser Gesicht, denn wir haben diesen Geist als solchen entlarvt. Damit geschieht das Wunder. Die Negativität löst sich auf. Wir können wieder mit einem klareren Blick auf die Welt schauen. Jetzt ist sie nicht durchtränkt von dem, was alles nicht stimmt. Dankbarkeit und Freude werden sich in unserem Herzen breit machen und damit wird die Welt auch eine andere. Buddha wurde einst von seinen Schülern gefragt, wie man die Welt retten könnte und er meinte nur daraufhin: „Bekommt neue Augen“. Ich wünsche uns allen, dass wir diese neuen Augen entwickeln.

„Leben ist das mit der Freude und den Farben. Nicht das mit dem Ärger und dem Grau.“

Diesen Spruch schenkte mir eine Ärztin auf einer ganz bunten Karte. Ich habe sie eingerahmt, sie steht mitten in meinem Wohnzimmer und erinnert mich stets daran, zu leben.

Doris Myôen Zölls

Evangelische Pfarrerin i. R., Zen-Meisterin der Zen-Linie "Leere Wolke" (Willigis Jäger), Mitglied im Präsidium der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung. www.alltagszen.de
 
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