Den eigenen Rhythmus finden

von Zen-Meisterin Doris Zölls, Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

In Zeiten der Unsicherheiten, fehlenden äußeren Rahmenbedingungen, ist es für uns Menschen manchmal nicht leicht in der Balance zu sein. Wir wünschen uns zwar, wenn uns von außen feste Termine und Strukturen auferlegt sind, mehr Zeit zu haben, mal „die Seele baumeln“ lassen zu können, sodass es keine Rolle spielt, ob ich um 7.00 Uhr oder um 11.00 Uhr aufstehe, ob ich „gewaschen und gebürstet“ bin oder ob ich noch am Nachmittag im Schlafanzug herumlaufe. Das mag ein paar Tage gut tun, doch bald werden wir merken, dass diese Strukturlosigkeit auf unser Gemüt schlägt. Es macht sich schleichend eine Sinnlosigkeit breit und wir sind indirekt wieder froh, wenn der „Alltag“ mit seinen Aufgaben uns wieder hat. Menschen, die in Rente gehen, können davon ein Lied singen. In der jetzigen Situation, wo die Außenkontakte beschränkt sind, werden die ein oder anderen vor eine solche Aufgabe gestellt, sich selbst einen Rahmen zu geben, in dem sie gehalten werden. Rhythmus ist dafür eine unglaublich gute Stütze.

Die Natur ist eine gute Lehrmeisterin darin, sie lebt in Rhythmen. In ihr sehen wir Entstehen, Wachsen, Bestehen und Vergehen, die Gestirne, das Leben der Pflanzen, der Tiere, sie alle werden von Rhythmen bestimmt. Sie werden nicht getaktet, wie wir manchmal unser Leben verstehen, sondern es ist einem Tanz gleich, wie es die Indianer beschreiben, der festgelegt ist und doch Weite und Freiheit ausstrahlt. Genau das ist es, Freiheit und Weite, Freude und Sinnhaftigkeit. Rhythmen eröffnen sie uns. Rhythmen sind keine Einschränkung, sondern lassen uns „tanzen“. In ihnen haben wir auf einmal Freiheiten, die sich in der Beliebigkeit nicht einstellen.

Aber auch Zeremonien und Rituale sind eine große Unterstützung. Sie geben unserem Leben eine Tiefe, verweisen auf eine Unendlichkeit, die alle Vergänglichkeit in sich birgt. Wir werden jetzt gefordert, diese Tiefe selbst zu entwickeln. Wir können nicht mehr irgendwo hingehen und uns anschließen, wir müssen die Sinnhaftigkeit in uns selbst entfalten. Als die Juden in alle Welt verstreut, ihre Synagogen zerstört waren und sie keinen Ort mehr hatten, an dem sie sich treffen konnten, hörten sie nicht auf, ihre Feste zu feiern, ihre heiligen Texte zu hören. Sie verlagerten es nach innen. Auf einmal war das Zuhause ihr Tempel, das Abendessen am Freitag wurde zum Sabbat. Der Dalai Lama holte sich den Rat bei ihnen, als es darum ging, seine Kultur auch im Exil weiterzutragen. Vielleicht sind auch wir heute vor diese Herausforderung gestellt, in uns hineinzuschauen: was gibt uns Halt, was lässt uns das Leben erfüllt erfahren? Vermutlich stehen wir sogar vor einer noch größeren Herausforderung, bedingt durch diverse Medien. Sie scheinen uns auf den ersten Blick einen Kontakt nach außen zu geben, können uns unterhalten, sodass wir die Leere nicht gleich spüren.

Doch ich glaube, dass es „nachhaltig“ nicht reicht, sich die Tiefe des Lebens in der Ablenkung zu holen. Es braucht mehr, um unsere Seele wirklich zu berühren, sodass wir uns spüren und Zufriedenheit in uns finden. Die Natur kann uns dazu die Impulse geben. Ich möchte Ihnen Mut machen, sich ganz bewusst von der Natur inspirieren zu lassen. Sie werden entdecken, wie ihr Entstehen und Vergehen, ihr Aufblühen und Verblühen in Sie eindringen, auf einmal in Ihnen Dankbarkeit und Hingabe aufgehen und Sie trotz der Abgeschiedenheit die Verbundenheit mit allem erfahren. Dies mag sich in kleinen Ritualen widerspiegeln, die Sie jetzt für sich entdecken sollten. Das kann darin bestehen, dass Sie Ihr Essen sehr schön gestalten, feste Meditationszeiten einrichten, sich bewusst der Natur widmen, gute Texte lesen, Musik machen, tanzen usw.. Es gibt viele Elemente, die unseren Tag bereichern können.

Werden Sie kreativ, die Natur hat alle Farben und Formen, Sie darin zu unterstützen.

Doris Myôen Zölls

Evangelische Pfarrerin i. R., Zen-Meisterin der Zen-Linie "Leere Wolke" (Willigis Jäger), Mitglied im Präsidium der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung. www.alltagszen.de
 
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