Bewusstseinswandel durch Stille

von Zen-Meisterin Doris Zölls, Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

Die momentane Situation ist für die ganze Welt eine Herausforderung. An vielen Orten geraten die Menschen in Panik, sehen sich bedroht und sehnen sich nach mehr Schutz. Andere wiederum sehen all die Aufregung und Kampanien als übertrieben an und wehren sich im Gegensatz zu den von Angst Getriebenen, gegen all die Einschränkungen. Beide Seiten aber merken, dass diese „Krise“, ob bedrohlich oder übertrieben, mit uns Menschen etwas macht.

Viele meinen, wir würden nach dieser Zeit anders an das Leben herangehen. Einige künden sogar einen Bewusstseinswandel an. Es stimmt: Wir erleben durch die Krise unglaublich viele neuen Facetten unseres Lebens. Ganz deutlich wird zum Beispiel sichtbar, dass wir eine Welt sind. Der Virus macht an keiner Grenze Halt. Wir erleben aber auch gleichzeitig, wie wir vor dieser „Einheit“ Angst haben, wir uns abschotten wollen, die anderen als Bedrohung sehen und glauben, wenn sie nicht wären, wäre bei uns alles in Ordnung. Wir machen die Grenzen zu, es sei denn, die anderen könnten uns helfen, unser gewohntes Leben aufrecht zu halten. So werden jetzt Asylbewerber, die bisher nicht in unserem Land arbeiten durften, als Erntehelfer eingesetzt, um unsere Versorgung weiterhin gewährleisten zu können. Die Krise macht auch sichtbar, wie verletzlich unser Leben auf einmal ist. Die scheinbare Sicherheit, in der wir uns wägten, bekommt Risse. Krankheit und Tod treten in unsere unmittelbare Nähe. Auch die Einschränkungen machen etwas mit uns. Wir werden auf uns selbst zurückgeworfen. Einsamkeit kann entstehen oder durch die oft unausweichliche Nähe mit unseren Angehörigen entsteht eine schier nicht auszuhaltende Belastung.

Doch diese besonderen Umstände könnten uns auch neue Wege öffnen. Der Rückzug muß nicht in Vereinsamung enden, sondern ich könnte mich auch neu kennenlernen, zu mir finden. Wenn ich in einer Familie lebe, geben mir die Einschränkungen auf einmal mehr Zeit für die Kinder und den Partner oder die Partnerin.  Eine neue Nähe kann entstehen. Auch die Arbeit gestaltet sich anders. Wird sie jetzt entschleunigt oder bürden mir die neuen Kommunikationstechniken noch mehr auf? Auch hier sind wir gefordert.

Eine Erfahrung erleben wir Menschen bei all diesem Chaos sehr deutlich: In dieser Zeit, in der sich der Mensch zurücknehmen muss, erholt sich die Natur. Aus China hört man Stimmen, die dem Virus danken, weil er ihnen sauberere Luft und klareres Wasser geschenkt hat.

Jetzt kommt die große Frage: Kann der Mensch aus diesen Erfahrungen lernen? Wird er sein Leben auch nach der Krise wirklich verändern? Reicht ein Virus um uns Menschen aufzuwecken, zu mehr Menschlichkeit und einem achtsameren Umgang mit der Natur?

Ich glaube es leider nicht. Leid macht uns in dem Moment, wo wir in ihm stecken, vielleicht wacher und bewusster, doch wenn die Krise vorbei ist und wir nicht wach bleiben, holen sich unsere alten Muster wieder ihre Plattform, wie  Brombeeren, die, wenn man sie nicht regelmäßig zurückschneidet, wieder das Feld überwuchern. Damit wir wirklich nachhaltig gestärkt und verwandelt aus dieser Krise hervorgehen können, braucht es noch eine andere Dimension. Es ist gut unsere Einsichten und Erkenntnisse in unserem Denken zu bewegen, doch das führt nicht weiter. Erkenntnisse müssen in unserem Handeln umgesetzt, in unseren Körper einzuverleiben werden. Es ist die Stille – ein unschätzbares Gut – die diese Kraft hat, uns zu wandeln. Stille ordnet unseren Geist, unsere Psyche und auch unseren Körper. Wir „fahren herunter“, wie man heute sagt und in ihr erkennen wir immer wieder neu, was getan werden muss. Ich möchte Euch ermuntern, diese Stille jetzt in der Krise und auch danach zu praktizieren. Ihr werdet erleben, dass sie ist es, die uns einen anderen Blick auf die Dinge schenkt, uns verändert und uns stärkt. Sie verwandelt Leid und lässt uns neu auferstehen.

Ich wünsche Euch den Mut, Euch darauf einzulassen und das Geschenk der Auferstehung in der Natur und in Euch selbst in jedem Moment zu erfahren.

Ich wünsche Euch frohe Ostern!

„Unser Bewusstsein entscheidet, ob aus Möglichkeit Wirklichkeit wird.“

Kersten Kämpfer

Doris Myôen Zölls

Evangelische Pfarrerin i. R., Zen-Meisterin der Zen-Linie "Leere Wolke" (Willigis Jäger), Mitglied im Präsidium der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung. www.alltagszen.de
 
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