Vertrauen ins Leben

von Zen-Meisterin Doris Zölls, Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

Ich, die ich das große Glück hatte, nicht in einem Kriegsgebiet geboren zu sein und leben zu müssen, kann mich nicht erinnern, dass wir je vor einer solchen Herausforderung standen, wie sie uns jetzt entgegenkommt. Die neue Situation ist wenig abschätzbar, weder wissen wir, wie schlimm sie sich entwickeln wird, noch sehen wir ihr Ende voraus. Dies verbreitet große Unsicherheit und macht uns sehr deutlich, wie zerbrechlich unsere Lebensentwürfe sind.

Eigentlich ganz normal, denn wir konnten noch nie wirklich sagen, wie unser Leben ablaufen wird. Aber im Alltag übergehen wir dies und tun so, als ob wir alles im Griff hätten.

Hinter dieser scheinbaren Sicherheit steckt jedoch ein tief in uns verankertes Urvertrauen, aus dem heraus wir die Kraft schöpfen, uns auf das Leben einzulassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob uns dies bewusst ist oder nicht. Wir vertrauen darauf, dass, wenn wir aufstehen, uns der Boden trägt, wenn wir essen, dass das Essen nicht vergiftet ist, wenn wir auf die Straße gehen, dass uns nichts zustößt, eben dass das Leben uns trägt. Nur in Krisenzeiten kommt dieses Vertrauen ins Wanken. Wir werden unsicher, ängstlich oder sogar panisch.

Auf einmal fühlen wir uns bedroht und hilflos den Gefahren des Lebens ausgeliefert. Im Moment sind wir in einer solchen Situation. Umso wichtiger ist es, das Vertrauen ins Leben jetzt nicht zu verlieren und sich nicht von Angstvorstellungen aus ihm herausreißen zu lassen. Das bedarf eines aktiven Einsatzes unsererseits. Verfolgen wir unentwegt alle Horrormeldungen, heizen wir unsere Unsicherheit an und lassen unsere Gedanken nur noch um das eine Thema kreisen, was uns Furcht und Schrecken einjagt. Nichts anderes hat mehr Platz in unserem Kopf. Unser Geist versucht zudem die Situation zu verstehen und oft kreiert er dann die abstrusesten Verschwörungstheorien, die uns weiterhin nur in Panik versetzen.

Aus diesem Teufelskreis sollten wir unbedingt aussteigen. Wir brauchen das Vertrauen, das ja in uns lebt und uns zu jeder Zeit tragen kann. So ist es von großem Nutzen, sich den News nicht unentwegt auszusetzen. Sie binden unsere ganze Aufmerksamkeit und machen uns blind dafür, was hier und jetzt in unserem Leben ansteht.

Wir übernehmen durch die Konzentration auf das, was wirklich Jetzt ist, die Herrschaft über unsere Gedanken und lassen nicht zu, dass sie uns mit ihrer Negativität besetzen und bestimmen. Herr seiner Gedanken zu sein, heißt: sich auf den Augenblick des Lebens konzentrieren zu können, sich nicht in seinen Gedanken zu verlieren. Das will geübt sein, immer und immer wieder. Das wirkliche Leben ist immer nur im Hier und Jetzt und nicht in den Gedanken, was war und kommen könnte.

Gelingt es uns, alle Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu lenken, werden wir erleben, wie das in uns angelegte Vertrauen sich in uns wieder auftut und ausbreitet; wir werden ruhig und können dem gerecht werden, was das Leben jetzt von uns fordert.

Doris Myôen Zölls

Evangelische Pfarrerin i. R., Zen-Meisterin der Zen-Linie "Leere Wolke" (Willigis Jäger), Mitglied im Präsidium der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung. www.alltagszen.de
 
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