Den Geist des Glaubens entfalten

von Zen-Meisterin Doris Zölls, Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

Im Zen gibt es einen wunderbaren Text aus dem 6. Jahrhundert. Es sind die Verse über den Glaubensgeist, das Shinjin-mei. Es spricht davon, wie wir diesen Geist des Glaubens entfalten können. Heute wird Glaube oft abgetan als etwas, das für Kleingeister notwendig ist. Der aufgeschlossene Mensch richtet sich nach dem Wissen aus. Schauen wir jedoch genauer hin, merken wir, dass unser ganzes Leben auf Glauben oder vielleicht noch besser ausgedrückt, auf Vertrauen ausgerichtet ist. Wir vertrauen darauf, dass der Boden uns trägt, dass das Essen nicht vergiftet ist und wir heil über die Straße gehen können. Wir schenken Menschen unser Vertrauen und wir lassen uns auf das Leben ein, in dem tiefen Vertrauen, dass es uns trägt. Natürlich müssen wir auch erleben, dass unser Vertrauen enttäuscht wird, die Erde bebt, das Essen mir nicht bekommt, ein Auto mich anfährt oder ein Mensch mich tief verletzt. Doch all die Enttäuschungen hindern uns nicht daran, uns dennoch immer wieder neu auf das Leben einzulassen.

Die momentane Krise macht dies sehr deutlich. Trotz der Gefahren, die uns eine Ansteckung bringt, wagen wir uns nach außen. Wir tragen Schutzmasken und dennoch wissen wir nicht, ob sie uns wirklich vor einer Ansteckung bewahren. Auch hier vertrauen wir unentwegt, dass das Leben es gut mit uns meint. Wer nicht aus diesem Vertrauen heraus leben kann, der verkriecht sich zu Hause, misstraut allem und jedem und doch vertraut er darauf, dass ihm dort nichts zustößt. Auch zu Hause, zurückgezogen von der Welt, haben wir keine Gewissheit. Unser Geist wird uns zwar alles Mögliche vorgaukeln, wird sich Geschichten ausmalen, warum und wieso etwas passieren kann bzw. wer schuld ist, dass etwas geschieht. Doch damit kann er mir nur Sicherheit geben, die scheinbar ist, sich aber nicht auf die Wirklichkeit stützt. Das Leben bleibt unergründbar und es bleibt uns nichts anderes übrig als zu vertrauen, sogar wenn wir misstrauen.

„Der Konflikt zwischen Neigung und Abneigung ist eine Krankheit des Geistes“

Shinjin-mei

Im Shinjin-mei wird aufgezeigt, welchen Weg wir beschreiten sollen, damit das Vertrauen wächst, wir frei und offen auf die Welt zugehen können und uns nicht in den Ängsten und Sorgen um die Zukunft verstricken. Es meint, dass der Weg ist nicht schwer ist, wenn wir Ablehnung und Vorlieben beiseitelassen. Das scheint im ersten Moment unmöglich, bevorzugt oder lehnt unser Geist doch unentwegt ab. Wir werden diese Geistesstruktur nicht abschalten können. Aber in dem Moment, wo wir uns dieser, wie das Shinjin-mei sagt, Krankheit bewusstwerden, wir erkennen, dass unser Geist dies zwar tut, wir uns damit aber nicht identifizieren müssen, tritt eine neue Dimension in unser Leben.

Wir werden durch das Nichtbewerten der Dinge ihnen gegenüber nicht neutral, sondern wir erleben sie in einem ganz anderen Licht. Wir sehen auf einmal die Abhängigkeiten, die Verbindungen untereinander. Dies schenkt uns das Vertrauen, dass alles seinen Ort und seine Zeit hat.

Es ist gerade in der jetzigen Zeit von unschätzbarem Wert, Vertrauen aufzubauen. Nicht die Ängste sollen uns besetzen, sondern das Zutrauen in das, was ist, auch wenn es sich von dem Gewohnten völlig unterscheidet. Dann werden die Einschränkungen nicht zu einer Begrenzung, sondern eröffnen uns eine neue Möglichkeit, das Leben ganz anders zu ergreifen. Ich wünsche uns allen dieses tiefe Vertrauen, dass das Leben uns trägt, auch in den Momenten des Fallens.

Doris Myôen Zölls

Evangelische Pfarrerin i. R., Zen-Meisterin der Zen-Linie "Leere Wolke" (Willigis Jäger), Mitglied im Präsidium der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung. www.alltagszen.de
 
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