Alles hat seine Stunde

von Kontemplationslehrer Daniel Rothe, Mitglied des spirituellen Beirats am Benediktushof

“Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz.”

Kohelet 3,1.4b

Was mir im Moment durch Herz und Kopf geht und mich regelrecht irritiert, ist eine scheinbar weit verbreitete Grundhaltung in unserer Kultur. Neu ist diese Grundhaltung allerdings keineswegs. Nur ist sie mir noch nie so aufgefallen wie jetzt.

Was ich meine, ist das Hängenbleiben in der Klage: Ein ständiges Fixiertsein auf Probleme und der Versuch diese zu lösen.

Die Zeit für den Tanz hingegen wird irgendwie aufgespart. Wenn mal alle Probleme gelöst sind, dann scheint Zeit zum Tanz zu sein.

Ich will damit natürlich keineswegs dazu aufrufen, echte Probleme sowohl im eigenen als auch gesellschaftlichen Bereich zu verdrängen. Natürlich gilt es diese klar zu benennen, sich ihnen zu stellen und nach Lösungen zu suchen.

Das dient einerseits ganz nüchtern betrachtet dem Überleben. Andererseits ist es Ausdruck von Verantwortung. Zudem ist mir bewusst, dass diese Auseinandersetzung einen lebenslangen Prozess darstellt: Dieser ist zeitintensiv und fordert Nachdenken und Gespräche.

Aber ist es hingegen notwendig, sich und die Mitwelt permanent mit echten oder Scheinproblemen in Dauerschleife zu belasten?

Natürlich darf man ständig im eigenen Bewusstsein, in sozialen Netzwerken oder Gesprächen lamentieren und sich aufregen. Auch darf man über die Angemessenheit persönlich getroffener Entscheidungen grübeln oder spontane emotionale und kognitive Impulse wie Luftballons zu riesigen Problemen aufblasen. Aber man muss all dies nicht tun. Man muss den Großteil seiner Lebenszeit nicht damit verbringen scheinbare oder echte Probleme, die die Vergangenheit oder Zukunft betreffen, zum Dauerthema zu machen.

Sehen, hören, riechen, spüren und schmecken was gerade gegenwärtig ist

Wer morgens beim Zähneputzen bereits Probleme zu bewältigen versucht und das frische Wasser nicht spürt, verpasst ein Stück Wirklichkeit. Wer seinen Tee oder Kaffee trinkt und nichts davon schmeckt, weil schon wieder vermeintliche Probleme zu bewältigen sind, beraubt sich wiederum der Möglichkeit auch eine andere Perspektive von Wirklichkeit zu erleben.

Es ließen sich noch unzählige solcher Beispiele aufzählen. Und alle haben eines gemeinsam: Es ist der einseitige Fokus auf Probleme. Leben ist aber mehr. Die Übung der Stille kann dafür sensibel machen.

Ich will also nicht dazu ermuntern, den Blick lediglich auf eine schöne und bunte Welt zu richten und das Problematische außen vor zu lassen. Vielmehr will ich dazu ermutigen, das Wahre, Gute und Schöne in einer Welt voller Leid, Abgründe und Dunkelheiten nicht zu übersehen. Alles hat seine Zeit: Die Klage aber genauso auch der Tanz. Verpassen wir diese Zeit des Tanzes nicht.


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Daniel Rothe

Diplom-Theologe, promovierte am Lehrstuhl für Religionsphilosophie u. -wissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zum Thema "Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht." Metaphorik und religiöses Erleben im 21. Jahrhundert; Kontemplationslehrer und Mitglied im Vorstand der Kontemplationslinie "Wolke des Nichtwissens" (Willigis Jäger).
 
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