Eine neue Religion?
Impulsbeitrag von Alexander Poraj, Zen-Meister der Linie Leere Wolke West-Östliche Zen-Schule® und Mitglied der spirituellen Leitung am Benediktushof
Vor ein paar Wochen fand der bis dato spektakulärste Börsengang der Geschichte statt, der von Space X. Das Unternehmen weist bis heute keine Gewinne aus. Was rechtfertigt also das riesige Interesse aller nur denkbaren Geldgeber und zwar nicht nur an diesem Unternehmen, sondern an vielen anderen der Tech- und KI-Branche? Einiges spricht dafür, dass es der Glaube an das Versprechen ist, das sie uns anbieten. Das aber tun alle Unternehmen. Es wäre nichts Neues – es sei denn, das Versprechen ist von ganz besonderer Art.
Viele von uns dürften sich noch daran erinnern, wie Steve Jobs, der damalige Chef – ja, Guru -von Apple, die Einführung neuer Produkte inszenierte.

Ein Freund schrieb mich an, während er live dabei war: Er würde gerade einem neuen Gottesdienst beiwohnen. Und aus meiner heutigen Sicht war seine Bemerkung nicht übertrieben. Betrachten wir die Inhalte, den Auftritt und die Art der Gefolgschaft (eben keine rein praktisch denkende Investoren mehr), mit denen sich die Tech-und KI-Branche positioniert, dann lässt sich immer deutlicher feststellen, dass gerade diese Bewegung religiöse Züge angenommen hat.
Was ist der tatsächliche, also sachliche Inhalt dieser Unternehmen? Vor allem aber: Was ist die emotionelle Botschaft und Vision, die sie zu verkörpern meinen? Die erste ist, wie üblich, leicht zu beantworten. Die zweite Frage scheint mir viel interessanter zu sein: Jedes Unternehmen verspricht mit seinen Produkten die Verbesserung und Erleichterung unser Alltagstätigkeiten. Die Tech- und KI-Branche will genau darüber hinausgehen. Das lateinische Wort für das „Hinausgehen“ lautet „Transcendere“. Und genau darin sehen die Religionen seit Menschheitsgedenken ihre Aufgabe: Uns aus unserer Beschränkung heraus, hin zum Erfahren, Erkennen und Anerkennen unendlich größerer Zusammenhänge zu führen.
„Wir vertrauen nicht mehr der Politik, denn sie versprach uns Gerechtigkeit und produzierte stattdessen Bürokratie. Wir vertrauen nicht mehr der Kirche, denn sie verriet das Evangelium durch Missbrauch, Machtstreben und Schweigen. Freundschaft das sind nur noch Likes. In dieser Wüste tauchen die neuen Technologien auf“
(Bischof Antonio Stagliano, Rektor der päpstlichen theologischen Akademie)
Die neue Verheißung: Können wir mittels KI unsere menschliche Begrenzungen endgültig überwinden?
Mit anderen Worten: Die Religionen transzendieren uns über uns selbst hinaus. Allerdings ist die so verstandene Transzendenz nur dadurch möglich, dass wir unsere Verkörperung in ihrer Flüchtigkeit, Begrenztheit und Schmerzhaftigkeit zulassen und annehmen lernen. Genau hier greift das „religiöse“ Angebot der KI- und Tech-Branche ein. Es wird uns ein „Hinausgehen“ über jegliche Formen der als negativ angesehenen Einschränkungen angeboten dank der Innovationskraft der von uns erschaffenen Technik. Eben nicht nur die Erleichterung der Alltagstätigkeiten steht jetzt auf der neuen Liste, sondern das Ersetzen der meisten menschlichen Tätigkeiten überhaupt durch effiziente und superintelligente KI. Des Weiteren die endgültige Kontrolle und in Folge das Abschaffen von Leiden und Krankheiten jeglicher Art; ein Hinausgehen über die kognitiven und emotionellen Beschränkungen bis hin zum Allerwichtigsten: der Unsterblichkeit.
Letztere wird dadurch in Aussicht gestellt, dass wir unsere ganz individuelle Persönlichkeitsstruktur, samt Erinnerungsvermögen und allem, was sonst noch dazu gehört künftig speichern und übertragen können. In solchen Zusammenhängen spricht der Techno-Großinvestor Marc Andreessen von der „Digitalen Enzyklika“ und dem „Katechismus für eine angestrebte Zukunft“.
So gesehen transzendieren wir uns selbst zum Besseren – und das heißt zum optimierten Menschen. Wir sind damit, so wird jedenfalls behauptet, ähnlich wie Gott, nämlich Ko-Kreatoren von uns selbst und der Wirklichkeit, die gänzlich ihrer Unvorhersehbarkeit beraubt werden soll.
In dieser Vision ist vermutlich zum ersten Mal der Mensch der absolute Mittelpunkt seiner eigenen Religion. Er ist der Angebetete und der Anbeter; der Gott und sein treuester Diener; die in die Unendlichkeit und Unsterblichkeit hin offene Selbst-Über-Schätzung.

Diese Religion verspricht die Transformation innerhalb eigener Urängste und ihr Transzendieren auf Wünsche und Vorstellung hin vom Überwinden und Hinter-sich-lassen dessen, was uns eigentlich ausmacht: ein kleines, vergängliches und deswegen wohl auch berührbares und berührendes Momentum zu sein, welches in der Lage ist, herzlich zu lachen und bitterlich zu weinen… Und immer wieder zu staunen, inmitten des großen Geheimnisses…
Es grüßt Euch
Alexander
Das Autorengespräch mit Alexander Poraj findet am Dienstag, 21. Juli um 19.30 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.
