Das Leben flüstert
Impulsbeitrag von Andreas Hase, Geschäftsführer am Benediktushof, Buchautor, Schreibtherapeut, Exerzitienbegleiter. Das Video zum Impuls finden Sie auf unserem YouTube-Kanal
Wenn ich morgens durch den Innenhof des Benediktushofs gehe, höre ich oft zuerst den Brunnen. Das Wasser plätschert in einem gleichmäßigen Rhythmus ins Becken. In den Bäumen bewegt der Wind die Blätter. Manchmal ruft ein Vogel aus den Gärten herüber. Es sind leise Geräusche, die man leicht überhören kann. Doch wenn ich einen Augenblick stehen bleibe, spüre ich: Das Leben ist nicht stumm. Es spricht unentwegt zu mir – es flüstert.
Am 5. Juni wurde der Weltumwelttag begangen, wie jedes Jahr. Das ist gut und richtig so. Denn die Veränderungen sind längst nicht mehr zu übersehen. Die Sommer werden immer heißer. Böden trocknen aus. Bäume verlieren ihre Kraft. Wälder, die uns selbstverständlich erschienen, sind verletzlich geworden.

Der Klimawandel ist aber nicht nur ein Problem der Atmosphäre. In einem tieferen Sinn ging ihm ein innerer Klimawandel voraus. Lange bevor wir die Folgen in der Natur deutlich sehen konnten, hatte sich etwas in unserem Verhältnis zur Welt verändert. Aus dem Wald wurde vor allem eine Ressource, aus dem Boden Nutzfläche und aus Zeit ein knappes Gut. Aus dem Leben wurde ein Projekt, das sich immer weiter beschleunigen und optimieren lässt.
Wir sprechen zu Recht von Umweltverschmutzung. Aber sie hat eine Entsprechung in unserer Seelenlandschaft: die Innenweltverschmutzung. Unser Inneres füllt sich mit einer Flut von Bildern, Nachrichten und Reizen. Mit Angst, Krieg und Not, mit Empörung und dem ständigen Gefühl, nicht genug zu schaffen, nicht zu genügen, nicht genug zu bekommen. Die Sprache wird rauer und lauter. Für das Leise bleibt kein Raum, wenn es niedergeschrien wird.
Brauchen wir neben dem Weltumwelttag deswegen nicht auch einen Weltinnenwelttag?
„Kein Baum grünt ohne Kraft
zum Grünen, kein Stein entbehrt
die grüne Feuchtigkeit
kein Geschöpf ist ohne diese
besondere Eigenschaft, die lebendige
Ewigkeit selber ist nicht ohne
diese Kraft zum Grünen“
(Hildegard von Bingen 1098 – 1179)
Grünen soll, wo Dürre herrscht
Die Naturmystikerin und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen (1098 – 1179) hat für die Kraft des Lebendigen ein wunderbares Wort verwendet: Viriditas. Meist wird es mit Grünkraft übersetzt. Und damit meinte sie weit mehr als das sichtbare Grün der Blätter – Grünkraft ist für sie eine schöpferische Lebendigkeit, eine Spannkraft, die alles durchzieht: Pflanzen und Tiere, den menschlichen Körper und die Seele, die Elemente und selbst die Welt der Minerale und Steine. Die Natur ist in Hildegards Kosmologie nicht bloß Kulisse: sie ist ein lebendiges Gefüge, in dem alles miteinander verbunden ist und jedes auf seine Weise etwas von der schöpferischen Lebenskraft des Göttlichen trägt.
Aber diese innere Grünkraft kann schwächer werden. Ich kann innerlich austrocknen, obwohl mein Alltag nach außen hin noch funktioniert. Ich mache weiter und doch verliere ich meine innere Frische und Spannkraft. Die Seele verdorrt unmerklich.
Hildegard schreibt in einem Brief: „Lass es grünen, wo Dürre herrscht.“ Damit wendet sie sich direkt an uns. An den Gärtner in uns. Es ist eine Aufforderung, die verkarsteten Stellen in meinem Leben wahrzunehmen. Dort, wo das Lebendige versickert. Dort, wo ich nur funktioniere. Dort, wo ich das Staunen verlernt und die Liebe verloren habe.
Denn wir brauchen Zeiten, in denen wir wieder Kraft und Atem schöpfen können. Ruhe und liebende Aufmerksamkeit für das, was still sein will in uns.
Behüte das Herz
„Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus“, weiß die Bibel (Sprüche 4,23). Wem und was gewähre ich Zugang zu meinem Herzen? Welche Bilder, Geräusche und Gedanken nehme ich in mich auf? Was nährt meine Angst – und was stärkt die Liebe?
Ein gepflegtes Inneres ersetzt freilich keine politischen Entscheidungen und keine konkreten Maßnahmen zum Schutz der Natur. Aber es entscheidet mit darüber, mit welcher Haltung wir der Welt begegnen.

Ein Baum ist dann nicht nur Holz, Schattenspender oder schöne Kulisse. Er ist ein wesenhaftes Gegenüber – und jedes Gänseblümchen ein einzigartiges Wunder, ein Fingerzeig der Schöpfung. Alles wächst in seinem eigenen Rhythmus. Alles lässt los, wenn die Zeit gekommen ist, nur, um neu zu beginnen.
Das Leben flüstert. Im Wasser des Brunnens. Im Wind in den Bäumen. Im Duft der Erde nach einem Regenguss. Und auch in unserer Seele.