Nach welchem Geist verlangen wir?

Impulsbeitrag von Fernand Braun, Kontemplations-Lehrer der Linie „Wolke des Nichtwissens“ und Mitglied der Linienleitung „Wolke des Nichtwissens“.

Die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte beginnt nicht mit Stärke oder religiöser Sicherheit, sondern mit Angst und Verunsicherung. Die Jünger sitzen hinter verschlossenen Türen. Vieles ist zerbrochen. Die Zukunft ist ungewiss.

Mitten hinein in diese Enge geschieht etwas Unerwartetes:

„Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus“ (Apostelgeschichte 2,2)

Pfingsten ist das Fest eines Geistes, der aus Erstarrung in Lebendigkeit führt.

Im Grunde können wir zwei Ausdrucksweisen des Geistes unterscheiden: einerseits den stillen, zeitlosen Grund allen Seins — jene unberührbare Tiefe, von der Mystiker aller Traditionen sprechen; andererseits den Geist als schöpferische Kraft in der Welt, als Bewegung, Beziehung und Wandlung.

Benediktushof Pfingsten 600 X 450

Das würde bedeuten: Geist ist nicht nur Sein — Geist geschieht.

Geist als Geschehen führt nicht aus der Welt hinaus, sondern tiefer hinein ins Leben. Aus Verschlossenen werden Offene. Aus Ängstlichen werden Hörende und Sprechende. Menschen verschiedenster Herkunft verstehen einander plötzlich in ihrer je eigenen Sprache. Pfingsten wird zum Gegenbild von Babel: Geist, der nicht trennt, sondern verbindet.

Der Theologe Karl Rahner suchte diesen Geist nicht zuerst im Außergewöhnlichen, sondern mitten im Alltag. Berühmt wurde sein Satz:

„Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein“

Rahner meinte damit keinen weltfernen Ekstatiker. Er meinte Menschen, die existenziell berührt wurden — von einer Tiefe des Lebens, die über bloßes Funktionieren hinausgeht.

Willigis Jäger griff diesen Gedanken auf und weitete ihn über konfessionelle Grenzen hinaus aus:

„Der Mensch von morgen wird ein Mystiker sein — oder er wird nicht mehr sein“

Tatsächlich erleben wir heute etwas Merkwürdiges: enorme technische Entwicklung, permanente Vernetzung und ungeheures Wissen — und zugleich oft innere Leere, Erschöpfung, Sinnverlust und Zersplitterung.

„Der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Brausen wohl; doch du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht“

(Johannes, 3,8)

Der Mensch von morgen wird vielleicht nicht biologisch verschwinden, aber er könnte den Kontakt zu seiner inneren Tiefe verlieren. Einer, der nur noch funktioniert, konsumiert, produziert, reagiert — lebt, aber nicht mehr wirklich aus einem inneren Grund.

Mystik bedeutet dann: gegenwärtig sein, verbunden sein, staunen können, das eigene Ego relativieren, den „Pulsschlag einer großen Gegenwart“ spüren, wie David Steindl-Rast sagt. Echte Mystik macht nicht weltfremd, sondern wacher, menschlicher und mitfühlender. Geisterfahrung geschieht nicht fern des Lebens, sondern mitten im oft unscheinbaren Alltag — gerade dort, wo Sicherheiten wegbrechen und keine einfachen Antworten mehr tragen.

Da verzeiht jemand ohne Echo.
Da hält jemand Einsamkeit aus.
Da tut jemand das Gute ohne Bestätigung.
Da hofft jemand gegen die Aussichtslosigkeit.

Und gerade darin geschieht etwas, das größer ist als das, was wir „Ich“ nennen. Nicht: „Ich tue etwas Gutes, also gibt Gott Gnade.“ Sondern: Im Geschehen selbst ereignet sich eine Tiefe, die der Mensch nicht machen kann.

Pfingsten wäre dann nicht zuerst Feuerzungen oder außergewöhnliche Phänomene, sondern die Erfahrung, dass mitten im brüchigen Alltag eine andere Wirklichkeit durchscheint: im Verzeihen, im Loslassen, im Aushalten, im Nichtdavonlaufen.

„… wo Fallen das wahre Stehen wird“ (Karl Rahner)

Der Geist zerstört jene Sicherheiten, an denen das Ego sich festhält, und eröffnet eine andere Weise des Seins: nicht Kontrolle, nicht Festhalten, sondern Vertrauen und Hingabe.

Pfingsten ereignet sich dort, wo Menschen trotz Vergänglichkeit und Unsicherheit nicht aufhören, sich dem Leben, dem Geheimnis zu überlassen. Nach welchem Geist verlangen wir also? Nach einem Geist, der nur bestätigt, was wir ohnehin schon denken? Oder nach einem Geist, der verwandelt?

Benedktushof Pfingsten

Jesus sagt im Johannesevangelium:

„Der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Brausen wohl; doch du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht“ (Johannes 3,8)

Geistliches Leben beginnt wohl genau dort: wo wir aufhören, kontrollieren zu wollen und bereit werden, uns bewegen zu lassen.

Dann könnte Pfingsten mehr sein als ein Kirchenfest: Es könnte eine innere Öffnung werden. Ein neues Hören. Ein neues Atmen. Ein stilles Ahnen, dass der pfingstliche Geist noch immer durch diese Welt weht — aufbauend und umstürzend zugleich.

Das Autorengespräch mit Fernand Braun findet am Dienstag, 26. Mai um 19.30 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.

Zum spirituellen Impulsbeitrag gibt es das „Autorinnengespräch“, ein Format, in dem sich interessierte Leser*innen und Kursteilnehmer*innen des Benediktushof zusammen finden, um gemeinsam mit dem Autor/der Autorin über den Impuls zu reflektieren.  Der gemeinsame Austausch kann eine sinnvolle und hilfreiche Ergänzung zur eigenen spirituellen Praxis sein. Der Ablauf ist dabei stets: Vortrag – Austausch in Kleingruppen – Fragen & Antworten im Plenum. Das ganze findet kostenfrei, online via Zoom statt. Anmeldung über den Button unten (gleicher Link wie beim Online-Sitzen in Stille).

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