Sein ist immer Verbindung

Impulsbeitrag von Maria Kolek Braun, Kontemplations-Lehrerin der Linie „Wolke des Nichtwissens“ (Willigis Jäger) und Mitglied der spirituellen Leitung

Eine Bekannte, die ich sporadisch zu bestimmten Anlässen treffe, erzählte mir gestern von ihrer eigenen Lebensgeschichte: Nach Jahren, die sie zurückgezogen in einem kontemplativen Kloster verbracht hat, spürte sie, dass diese Lebensweise für sie nicht mehr richtig ist (obwohl sie sich zugleich sehr wohl dabei fühlte). Sie verliess das Kloster, ging an die Uni in die Forschung, arbeitet zugleich in einem Pflegeheim als spirituelle Begleiterin und als Vorsitzende ihres Berufsverbands, wo sie wichtige Anstöße zur Profilierung und Weiterentwicklung einbringt. Sie sagt: „Ich frage nicht mehr, ob mir das gefällt – ich würde mich im Kloster nach wie vor sehr wohl fühlen – ich mache diesen Job, weil ich dazu die Fähigkeit habe, und ich habe das Vertrauen, dass dies jetzt dran ist. Ich bin frei.“

Benediktushof Verbundenheit

Das kurze Gespräch hat mich berührt und mich wahrnehmen lassen, wie Hingabe an das Leben (und Vertrauen ins Leben) geht. In dieser Begegnung spürte ich, wie Verbundenheit, Einheit, Verstehen zwischen uns ist.

Die Wirklichkeit ist Nicht-Getrennt-Sein

Dass wir getrennte, vereinzelte Individuen sind, die ihre Begrenzungen, Einschränkungen und Ängste allein bewältigen müssen, ist eine Illusion. Vielmehr ist die Wirklichkeit Nicht-Getrennt-Sein. Viele mystische Traditionen verweisen auf das Erlebnis von Einheit und Ganzheit und die Erkenntnis, dass die Wirklichkeit ganz anders ist, als unser Verstand sie sich vorstellt. Die Neurowissenschaft und die Quantenphysik weisen darauf hin.

Diese Erkenntnis sollte eine Auswirkung auf unser alltägliches Leben haben.

Wie kann sie fruchtbar werden?

Wir könnten einen Perspektivwechsel vornehmen: Nicht länger von einem Ort der Trennung des Individuums ausgehen, sondern von Verbundenheit und Nicht-Getrennt-Sein.

„Wir existieren nicht unabhängig voneinander. Alles ist im Kosmos aufeinander angewiesen“

(Thich Nhat Hanh)

Und dies nicht als einmalige kostbare Erfahrung, sondern als eine Verkörperung der Wahrheit unserer Verbundenheit und zugleich Teilhabe an etwas, das über uns einzelne Individuen hinaus geht. Das hieße, die Qualität von Wirklichkeit als Nicht-Getrennt-Sein ernst nehmen.

Thich Nhat Hanh beschreibt es als Interbeing: “Wir existieren nicht unabhängig voneinander. Alles ist im Kosmos aufeinander angewiesen, um sich manifestieren zu können – egal, ob ein Stern, eine Wolke, ein Baum oder du und ich. Das Verb „Sein“ ist missverständlich, denn wir können nicht nur aus uns selbst sein. Sein ist immer Inter-Sein.

Dieser Begriff spiegelt die Wirklichkeit genauer wider: „Wir sind miteinander und mit allem Leben verbunden.“

Ob wir das direkt wahrnehmen oder nicht: wir sind immer inter. Verbundenheit, Interbeing ist gegeben wie das Leben selbst.  Wie kann das zur lebendigen Wirklichkeit werden, gerade auch in schweren Lebensphasen?

Kontemplative Haltung ist: Sich der Wirklichkeit stellen, aufhören zu verdrängen

Wie kann ich Vertrauen ins Leben zurückgewinnen, wenn etwas ganz anders geschieht als von mir geplant und gewünscht? Dann spüren wir Schmerz oder Angst, denn die vermeintliche Sicherheit geht verloren. Zugleich erinnern solche Ereignisse uns daran: Wir haben das Leben nie in der Hand, jeder Moment ist ein Risiko; vermeintliche Sicherheiten sind Illusion und Wunschdenken.

Ein Beispiel: Wegen Umstrukturierung des Unternehmens, für das eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter lange gute Arbeit geleistet hat, hat sie/er seinen Arbeitsplatz verloren. Davon sind in den letzten Monaten und Jahren viele Menschen betroffen.

Andere erleben im Alter, dass der Körper gebrechlich wird, nicht mehr leistungsfähig ist, der Lebensraum enger wird und ganz vieles, was früher Freude bereitet hat, nicht mehr möglich ist.

Das sind gravierende Erschütterungen, die uns unverhofft treffen. Sie fordern von uns, dass wir uns anpassen und Akzeptanz üben. Immer wieder sind wir gefordert, alte Sicherheiten, die genommen wurden, selbst mit Klarheit und Entschiedenheit loszulassen und sich neu auszurichten.

Impuls Maria zu Interbeing

Gefühle der Unsicherheit, der Verunsicherung, Angst, Wut, Enttäuschung sind nur zu verständlich und „normal“ – wir suchen Sicherheit, Planbarkeit.

Kontemplative Haltung ist: sich der Wirklichkeit stellen, aufhören zu verdrängen.

Ich möchte Mut machen, auch die erschütternden Gefühle zuzulassen, sie zu spüren, zu schmecken und auszusprechen, jemandem zu erzählen. Viele Situationen fordern uns heraus, Vertrauen ins Leben zu leben. Dieses Vertrauen ist ja nicht immer gleich da, es will in jedem Augenblick neu realisiert werden. Dabei könnten wir die Wahrnehmung erweitern: von uns selbst hin zur Wahrnehmung von Verbundenheit.

Der Perspektivwechsel bewirkt eine andere Art der Wahrnehmung sowohl von sich selbst, von den Anderen und vom Raum zwischen uns. Nicht um Ich und Du, sondern um das UND geht es, und das geht über Ich und Du hinaus. Die Perspektive von Ich oder Wir verschiebt sich auf das Ganze, von „Wir alle“ zu „Wir als Ganzheit“.

Der Raum zwischen Menschen birgt Wissen, Weisheit, Intelligenz

Schweres, Leidvolles darf wirklich so sein zwischen uns, es muss nicht gleich Lösungen geben, damit der Schmerz weggeht. Im Mit-Sein verändert sich die Wahrnehmung. In diesem Raum der offenen und weiten Präsenz darf alles sein, wie es ist und kann sich zugleich wandeln. Dann gäbe es in den subjektiv erlebten und erlittenen Lebenssituationen neben allen Zweifeln und Ängsten Raum für Mehr. Wenn wir diesen Raum des Interbeing zulassen könnten, wäre das Freiheit: wir könnten uns dem Leben hingeben, ohne Zurückhaltung und ohne Zögern.

Wie zwischen meiner Kollegin und mir wäre – oft überraschenderweise – die Präsenz spürbar, die über uns hinausgeht und zugleich zwischen uns ist. Wir müssen uns nicht selbst halten. Andere müssen mich nicht halten und immer wieder neu bestätigen. Der Raum zwischen uns ist nicht leer. Der Raum zwischen Menschen birgt Wissen, Weisheit, Intelligenz. Da liegt die Quelle von Frieden und Versöhnung mit dem, was ist – in jedem Augenblick.

Anmerkung der Autorin: Mit dem Verständnis von Interbeing bezieht sich Maria Kolek Braun auf Thomas Steininger und Elizabeth Debold.

Das Autorinnengespräch mit Maria Kolek Braun findet am Dienstag, 15. September um 19.30 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.

Zum spirituellen Impulsbeitrag gibt es das „Autorinnengespräch“, ein Format, in dem sich interessierte Leser*innen und Kursteilnehmer*innen des Benediktushof zusammen finden, um gemeinsam mit dem Autor/der Autorin über den Impuls zu reflektieren.  Der gemeinsame Austausch kann eine sinnvolle und hilfreiche Ergänzung zur eigenen spirituellen Praxis sein. Der Ablauf ist dabei stets: Vortrag – Austausch in Kleingruppen – Fragen & Antworten im Plenum. Das ganze findet kostenfrei, online via Zoom statt. Anmeldung über den Button unten (gleicher Link wie beim Online-Sitzen in Stille).

noch nicht bekannt

 
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