„Pfingsten – die Gegenwärtigkeit des Geistes“

von Maria Kolek Braun, Kontemplationslehrerin der Linie „Wolke des Nichtwissens“ (Willigis Jäger), Mitglied der spirituellen Leitung am Benediktushof

An diesem Wochenende feiern Christen und Christinnen das Pfingstfest – traditionell ausgedrückt das Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes. Was könnten das christliche Fest und der sprichwörtliche Geist von Pfingsten für Sie und Ihr Leben bedeuten? Die Erzählung in der biblischen Apostelgeschichte beschreibt den Geist von Pfingsten mit zwei Bildern: Lebendige Feuerzungen haben sich auf jedem niedergelassen und Menschen verstehen einander, obwohl alle in der eigenen Muttersprache sprechen.

Und drittens: die Wirkung dieses Geistes ist, dass er die Angst nimmt. Die Apostel, die sich versteckt hatten, zeigen sich, wagen sich in die Öffentlichkeit und erzählen von ihren Erfahrungen mit diesem Jesus von Nazareth, dem Christus.

Diese Geschichte und ihre Bilder sind für mich Metaphern für die menschliche Grunderfahrung von „Gegenwärtigkeit“. Mir gefällt der Begriff „Geistesgegenwart“: Denn Geist ist wie Feuer, in jedem Augenblick neu und anders. Feuer hat in jedem Augenblick eine andere Form; Geist ist in jedem Augenblick, das „was geschieht“, etwas, das nur in diesem Moment so ist, wie es ist, das also nur in diesem Moment in dieser Form existiert.

Geist ist nichts Festes, kein Etwas, das wir einmal erkannt oder begriffen haben, das wir in Büchern oder Lehrsätzen festschreiben könnten. Nur, wenn wir wach und offen sind, können wir erleben, wie sich diese Gegenwart vollzieht, auch durch und in uns. Dann schwingen wir ein in diesen Vollzug des Lebens in diesem gegenwärtigen Augenblick – immer wieder neu.

Gegenwart des Geistes

Der Apostel Paulus schreibt in einem seiner Briefe (2. Kor. 3,6): „Der Geist macht lebendig.“. Der Geist ist das Leben selbst. „Auf jedem von ihnen ließ sich eine Feuerzunge nieder“, heißt es: Geist ist in JEDEM lebendig, jeder und jede hat es, dieses Leben. Jeder und jede ist es, dieses Leben.

Deshalb verstehen Menschen einander, obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen: Geist, das Leben selbst verbindet die Menschen auf anderer Ebene als die Sprache und der Verstand: Es verbindet auf der Ebene des Herzens.

„In jedermann und allen Dingen ist der verborgene Same einer größeren Ganzheit vorhanden.“

(Rahel Naomi Remen)

 

Wir sind keine vereinzelten Wesen, keine in sich geschlossenen Systeme, die unabhängig voneinander existieren.  Das ist eine Täuschung unseres starken und sich überschätzenden Ich-Bewusstseins. Das Gegenteil ist der Fall, so beschreibt es die biblische Erzählung: Einheit und Verbundenheit.

Geist, göttlicher Geist nimmt die Angst: Geist bewirkt, dass Menschen über sich hinauswachsen, Taten vollbringen, die sie sich selbst nicht zugetraut hätten. Dass sie „sich zeigen“: Worte finden und über das, was sie zutiefst, existenziell angerührt hat, sprechen.

Geist nimmt auch die Angst, Unrecht beim Namen zu nennen: Diskriminierungen, Antisemitismus, aber auch Menschenrechtsverletzungen in Kriegen und durch Diktaturen. Wer sich im Geist allen Menschen verbunden weiß, lässt sich in Konflikten weniger schnell zu einseitigen Urteilen verleiten.

Der Geist von Pfingsten ist lebendig: Er geht über die ängstliche Sorge des vereinzelten, auf sich selbst bezogenen Individuums hinaus. „Geistesgegenwärtig“ sind Menschen, die wahrnehmen und tun, was jetzt nötig ist: Da ist die über 80-jährige verwitwete Nachbarin, die sich entschieden hat, ihre Wohnung aufzugeben und in ein Seniorenheim umzuziehen, damit sie unkompliziert Pflegeleistungen in Anspruch nehmen kann, wenn das irgendwann nötig sein sollte.

Sie räumt ihre Wohnung aus, viele Erinnerungen an ihr ganzes Leben tauchen auf. Auch die an schwierige Zeiten (Suizid des ersten Ehepartners) und die Sorge um ihren Sohn, der aktuell in einer psychiatrischen Klinik ist. „Ich wollte nur schnell die Vase zurückbringen“ – aus diesem kurzen Satz wird ein intensives Gespräch. All das Vergangene, Gelebte und jetzt der so deutliche Abschied, nicht nur aus der Wohnung. Es ist ein Stück Abschied vom Leben. Dazu braucht es einen Gesprächspartner.

Beispielhaft für „Geistesgegenwart“ sind auch die Streetworker und „Tafeln“, die „Randständigen“ nicht nur Essen bringen, sondern mit ihnen sprechen „in ihrer Sprache“, so dass sie sich gesehen und als Mensch wertgeschätzt fühlen.

Pfingsten ermutigt uns, uns dem Leben zu überlassen. In jedem Moment neu, so wie es jetzt gerade ist und inmitten von all dem, was jetzt ist – imitten der Leichtigkeit des Frühlings, der Freude und der Liebe, genauso wie dem Schmerz, der Trauer, der Ohnmacht, einfach der ganzen Fülle unseres Lebens. Zugleich gilt es zu spüren, was jetzt von mir zu tun und zu sagen ist.

Autorinnengespräch

Das Autorinnengespräch mit Maria Kolek Braun findet am Dienstag, 21. Mai, um 19.30 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.

Zum spirituellen Impulsbeitrag gibt es das „Autorinnengespräch“, ein Format, in dem sich interessierte Leser*innen und Kursteilnehmer*innen des Benediktushof zusammen finden, um gemeinsam mit dem Autor/der Autorin über den Impuls zu reflektieren.  Der gemeinsame Austausch kann eine sinnvolle und hilfreiche Ergänzung zur eigenen spirituellen Praxis sein. Der Ablauf ist dabei stets: Vortrag – Austausch in Kleingruppen – Fragen & Antworten im Plenum. Das ganze findet kostenfrei, online via Zoom statt. Anmeldung über den Button unten (gleicher Link wie beim Online-Sitzen in Stille).

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Maria Kolek Braun

katholische Dipl.-Theologin, Germanistin. Sie lebt in der Schweiz und arbeitet nach Jahren in der Gemeindearbeit und Krankenhausseelsorge jetzt im Leitungsteam der Spital- und Klinikseelsorge im Kanton Zürich. Sie ist MBSR-Lehrerin, Kontemplationslehrerin der Linie "Wolke des Nichtwissens" (Willigis Jäger), Vorstandsmitglied im Würzburger Forum der Kontemplation und Mitglied der spirituellen Leitung am Benediktushof.
 
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