Achtung: Was wir von den Pflanzen lernen können

von Elsbeth Maria Herberich

Die Natur als Begleiterin auf unserem Lebensweg – sie schenkt, ja sie verschenkt sich uns. Elsbeth Maria Herberich, Lehrerin für Zen, Handauflegen und Ikebana, der japanischen Kunst des Blumenstellens nimmt uns mit in die Welt der Pflanzen.

Im Interview mit Jordis Dony lässt Elsbeth uns teilhaben daran, welche Lehren die Pflanzen für uns Menschen bereithalten und sie gewährt uns Einblick in die Haltung der „Achtung“, die aus ihrer Sicht über die Achtsamkeit hinaus geht. Wer voller Achtung staunend in der Welt steht, der vermag vielleicht eher, sich als eine Einheit mit der Natur zu empfinden und verwendet ihre Gaben nicht verschwenderisch, sondern mit Demut und Dankbarkeit.

Jordis: In deiner Arbeit am Benediktushof gestaltest du seit vielen Jahren die Ikebana-Arrangements für die Kursräume. Im Ikebana begegnen wir der mehr als 500 Jahre alten Blumenkunst, die zutiefst mit allen Aspekten des Lebens verbunden ist. Was können wir deiner Meinung nach von der Natur lernen?

Elsbeth: Auf meinem Weg des Ikebana habe ich immer tiefer erfahren, dass ich die Blumen und Pflanzen der Natur als Mitgeschöpfe betrachte. Fraglos geben sie sich uns. Die Natur ist unsere Lebensgrundlage. Sie hat einen unerschöpflichen Reichtum an Farben und Formen. Wir Menschen sind privilegiert, die Schönheit der Blumen und Zweige zu erkennen.

Wir kennen in der Blumenkunst zwei japanische Worte:

SHUSSHO – die innewohnende spezifische Eigenschaft, die jeder Pflanze eigen ist und SHIZEN – die natürliche Anpassung an die Umgebung, in der die Pflanze wächst. Immer sucht die Pflanze das Licht.

Jedes Wesen hat einen eigenen Charakter, die ihm innewohnende Natur. Eine Pflanze, die am Boden wächst und von den größeren Sträuchern und Bäumen viel Schatten bekommt, passt sich an die Umgebung an und strebt doch immer zum Licht. So sehnen auch wir Menschen uns danach zu wachsen und streben zum Licht. Jeder in seiner ganz eigenen Art.

Jordis: Du hast drei Bilder mitgebracht zur Illustration. Was kann man sehen am Wegesrand, im Wald, aber auch in der Stadt, wenn man mit wachem Blick die Natur bewusst wahrnimmt?

Elsbeth: Das erste Foto zeigt die unglaubliche Kraft und den Lebenswillen eines Zweiges, der abgebrochen und verletzt wurde. Das zweite Foto zeigt einen neuen Trieb an einem alten Baum. Die Verletzungen sind Teil des Lebens. Es ist aber auch die Kraft da diese Verletzungen heilen zu lassen und neue Wege zum Wachsen und Werden zu gestalten.

Das dritte Foto zeigt löchrige Blätter. Sie werden in der Blumenkunst besonders geschätzt, da wir erleben können, dass sie anderen Lebewesen als Nahrung gedient haben. Wir leben mit der Natur und dürfen uns aus ihrer Fülle bedienen. Wir geben und nehmen und achten einander.

Jordis: Magst du uns erzählen von einer Pflanze oder einer Erinnerung mit einer Pflanze, die dein Herz besonders berührt hat?

Elsbeth: Mich berühren jetzt im Sommer die roten Mohnblumen. Ich schneide mir ein paar Stengel mit Blüten (die ganz schnell welken) und Knospen und stelle sie ins Wasser. Tagelang scheint alles Leben aus ihnen gewichen zu sein. Und dann …. platzt die Schale und es entfalten sich nacheinander die wundervollen Blütenblätter in ihrer vollen roten Leuchtkraft. Ich staune über das Wunder des Lebens. Wenn wir Geduld haben, uns nicht irritieren lassen, sondern vertrauen auf die Kraft der Natur und auch auf unsere Kraft, dann können wir erleben, wie alte Blätter fallen, wie das Neue sich entfaltet und seine ganze Schönheit zeigt.

Mohnblume

Jordis: Vielen Menschen liegen die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz am Herzen. Gleichzeitig tun sie sich oft schwer, im Alltag ihre Lebensgewohnheiten, ihren Blick auf die Natur, aber auch auf das Zusammenleben mit anderen Menschen zu ändern. Hast du aus deiner Arbeit mit den Pflanzen etwas gelernt, das du den Menschen diesbezüglich mit auf den Weg geben möchtest?

Elsbeth: Die Blumenkunst hat mich „Achtung“ gelehrt. Mit Achtung verbinde ich eine Haltung, eine innere Aufrichtung, die über die Achtsamkeit hinausgeht. Wenn wir in der Natur mit bewussten Schritten, allen Sinnen und vor allem mit wachem Geist gehen und innehalten, still werden, können wir unsere Verbundenheit und die Einheit mit allen Wesen erfahren. Wenn ich dies erfahre, werde ich das Geschenk der Natur wertschätzen und ihr meine ganze Achtung schenken. Und so vermittele ich es in meinen Kursen. Wir dürfen mit der Natur leben, wir dürfen uns ihrer Fülle bedienen, genau so viel, wie ein jeder braucht und auch nur, wenn die Fülle da ist. Wir geben und nehmen und geben auf einander acht. Dann können wir Menschen als Teil der Natur mit ihr im Einklang sein, die tiefe Verbundenheit erfahren und die Bedürfnisse von Mutter Erde spüren und schützen. Wer demütig staunend in der Pracht der Natur steht, der kann auch liebevoll staunend mit anderen Menschen in Verbindung treten, voller Achtung füreinander.

 

Das Gespräch führte Jordis Dony – Öffentlichkeitsarbeit am Benediktushof

Über Elsbeth Maria Herberich

Zen-Lehrerin der Zen-Linie „Leere Wolke“ (Willigis Jäger), Lehrerin für Kado der Ikenobo Ikebana Akademie (Kyoto), Lehrerin für Handauflegen „Open Hands Schule“ (Anne Höfler), Fortbildungen: Psychotherapie (Hunter Beaumont), Qigong (Medizinische Gesellschaft für Qigong Yangsheng, Bonn).

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