Auferstehung ereignet sich jetzt, mitten im Leben
Impulsbeitrag von Maria Kolek Braun, Kontemplations-Lehrerin der Linie „Wolke des Nichtwissens“ und Mitglied der Spirituellen Leitung am Benediktushof. Das Autorinnengespräch mit Impuls und Austausch findet am Dienstag, 24. März statt.
Ostern ist das Fest des Lebens. Christinnen und Christen feiern, dass Gott ein Gott des Lebens, ja, das Leben selber ist. Sie feiern, dass Jesus Liebe, Freundlichkeit, Hingabe verwirklicht hat und das Scheitern in seinem gewaltsamen Tod nur scheinbar ist. Sie nennen das Auferstehung. Christinnen und Christen feiern, dass alle Menschen berufen sind zu diesem göttlichen, befreiten Leben. Sie feiern, dass es in jedem und jeder grundgelegt ist und sie sich, wie Jesus, diesem göttlichen Lebensquell in uns anvertrauen.
Mit dem Wort „Auferstehung“ können wir oft nicht viel anfangen. Uns wurden oft Formeln über „Gott“ beigebracht, die uns nichts sagen oder sogar auf eine falsche Spur bringen: „Auferstehung“ ist so eine schwierige Formel, so griffig und verständlich das Wort auf den ersten Blick aussehen mag. Wegen der falschen Formeln suchen wir die Wirklichkeit, die Willigis Jäger mit „Gott“ bezeichnet hat, dort, wo sie nicht zu finden ist. Sie ist aber da, wo wir nicht mit ihr rechnen.
Was also feiern Christen an Ostern? Ich sehe ein Erstes, das über Jesus berichtet wird: Es ist sein Grundvertrauen, das er in „Gott“ setzt. Seine tiefste Überzeugung, seine innere Gewissheit ist: Das Leben stirbt nicht, weil die Liebe nicht sterben kann. Darin ist sein unsterbliches Vertrauen gegründet.

Ein zweiter Aspekt von Ostern: Wilhelm Wilms, ein religiöser Dichter und Liedermacher, hat Ostern Aufstand zum Leben genannt. Das beschreibt sehr gut, was an Ostern gefeiert wird: Jesus von Nazareth hat allen durch seine Lebensart eine Anleitung zu einem erfüllten, reichen, vollen Leben gegeben. Das geht nicht einfach verloren. Die Liebe und Hingabe, die wir leben, bleiben. Biblisch ausgedrückt: Unsere Auferstehung geht in Gott hinein. Das „Wie“ wissen wir nicht. An dieses Nicht-Wissen sollten wir uns immer wieder erinnern. Es bleibt ein Geheimnis.
Menschen haben „Auferstehung“ bitter nötig, nicht erst nach dem Tod, sondern schon jetzt. Auferstehung wohin? Auferstehung aus den Zwängen des Leisten-Müssens, des Immer-Besser-Sein-Müssens, und Immer-Mehr-Haben-Wollens. Dabei bleiben letztlich alle auf der Strecke und beziehungslos: die einen, weil sei nicht mithalten können, und deshalb nicht beachtet werden, die andern, weil sie sich zu Tode schuften und ein erfülltes Leben verfehlen. Also: Auferstehung wohin? Ein Leben, in dem sie ihre Kraft verschenken können, in echter Beziehung zu andern leben, Liebe erfahren, geben und selbst annehmen können.
„welcher engel öffnet ohren
die geheimnisse verstehn“
(Wilhelm Wilms, aus: Der geerdete Himmel)
Was ist „Auferstehung“? Auferstehung hat etwas mit der Erfahrung von neuem Leben, neuen Lebensmöglichkeiten zu tun. Wir ahnen etwas davon, wenn wir jetzt im Frühling beobachten, wie nach dem langen Winter wieder neues Leben, neues Grün, erwacht. Solch eine Frühlingsstimmung schildert Goethe in der berühmten Osterszene im „Faust“: Der Gelehrte Faust ist verzweifelt. Enttäuscht und in trotzigem Protest gegen die Hohlheit des Lebens greift er zur Giftflasche, um seinem Leben ein Ende zu machen. Doch zuvor geht er geht mit Wagner draußen vor den Stadtmauern spazieren. Und was er sieht, ändert alles. Faust ruft aus:
„Aus dem hohlen finstern Tor
dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn.
Denn sie sind selber auferstanden,
aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
aus der Strassen quetschender Enge,
aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
sind sie alle ans Licht gebracht.“
In diesem österlichen Stimmungsbild steckt eine tiefe Wahrheit: „Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden“. „Auferstehung“ ereignet sich, wenn wir selbst aufwachen und lebendig werden: nicht erst nach dem Tod, sondern jetzt, mitten im Leben. Wenn Menschen sich anstecken lassen von der „Grünkraft des Lebens“, wie Hildegard von Bingen das Leben Gottes in jedem einzelnen von uns nannte, dann brechen sie auf aus ständigem Medienkonsum und dumpfer Eintönigkeit, aus den Fesseln beruflicher Zwänge und den Lähmungen festgefahrener Beziehungen. Aus Ängstlichkeit, vermeintlichem Realismus, aus Gleichgültigkeit.
Von Anfang an gab es viele Vorbehalte unseres Verstandes gegen „Auferstehung“ und viele Versuche, sie zu „beweisen“. Aber damit erfasst man von dem, was Auferstehung wirklich ist, gar nichts. Ob Auferstehung wahr oder nicht wahr ist, entscheiden nicht die äußeren Fakten; Auferstehung geschieht auf einer ganz anderen Ebene, der Ebene des Herzens. In den Erscheinungsberichten der Bibel sind es die Menschen, die Jesus lieben, die ihn erkennen. Die Liebe sieht mehr als die Augen. Das Herz hat eigene Gründe, etwas für wirklich und wahr zu halten, die der Verstand nicht kennt.
Maria von Magdala begegnet Jesus nach seinem Tod. Diese Frau weiß, dass die lebendige Beziehung, die sie spürt, sie froh macht, sie nicht weiter trauern lässt, und sie ahnt: Jesus lebt.

Wer liebt, sieht tiefer als das Grab, über den Tod hinaus. Nicht den Augen, die nur das sinnlich Sichtbare und das durch äußere Fakten Beweisbare für wahr halten, gibt Jesus sich zu erkennen, sondern dem Herzen. „Auferstehung“ heißt: davon überzeugt sein, dass es eine Wirklichkeit, ein Leben gibt, das weiter ist als unser Verstand. Biblisch ausgesprochen: „Gott“. Das ist Leben in Fülle, das keinen Tod kennt. Das kann ermutigen, aufzustehen und unser eigenes Leben mit allen Hochs und Tiefs zu leben und es für andere zu wagen. Wir können nichts verlieren! „Auferstehung“ kann eine Chiffre für Leben sein, das nur im Jetzt, in jedem Augenblick frisch und neu erlebt werden kann. Leben, das wahrgenommen und angenommen wird, ohne zu werten, ob es schwer oder leicht, hell oder dunkel ist, Tod oder Leben.
Wünschen wir uns deshalb „Frohe Ostern!“
Das Autorinnengespräch mit Maria Kolek Braun findet am Dienstag, 24. März um 19.30 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.

