Im Einklang sein mit der Melodie des Lebens
Impulsbeitrag von Petra Wagner, Kontemplations-Lehrerin der Linie „Wolke des Nichtwissens“ und Mitglied der Linienleitung „Wolke des Nichtwissens“.
Die einfache Wahrheit in diesen wenigen Worten: Musik ist immer schon da – sie existiert, auch ohne die Sichtbarwerdung, vielmehr Hörbarwerdung durch die Noten. Diese sind lediglich Medium und dienen der Musik, indem sie sie durch ihre Gestalt erfahrbar werden lassen.
Vielleicht ist es möglich, einem kleinen skurrilen gedanklichem Experiment zu folgen:
Da ist eine Notenzeile aus einer Partitur, alle Noten sind schwarz gezeichnet an ihrem Platz um durch die verschiedenen Instrumente des Orchesters die Sinfonie erklingen zulassen – um Musik zu sein. Sie sind jedoch mit ihrem Platz, ihrer Bedeutung nicht einverstanden. Die einzelnen Noten haben das Gefühl, nicht ausreichend gehört zu werden. Mehr noch: Sie fühlen sich ihrer individuellen Wichtigkeit beraubt und versuchen durch unterschiedlichste Mechanismen, sich selbst ins Zentrum zu stellen. Die Sinfonie ist doch dazu da, ihre Bedeutung hervorzuheben und ihren ganz besonderen Klang hörbar werden zu lassen. Die Empörung, eventuell leiser oder kürzer gespielt zu werden, wächst ins Unermessliche und ist der Anlass, sich noch mehr anzustrengen, um die eigene Vorstellung ihrer Besonderheit deutlich werden zu lassen.

Der Tanz des ewigen Vergleichens, der endlosen Be- und Entwertung beginnt und wird bis zur völligen Erschöpfung immer schneller, immer weiter getanzt.
Was würde mit der Notenzeile passieren? Welche Art von Musik würde erklingen? Würde überhaupt Musik erklingen können? Oder hätten die Noten ihre Resonanzfähigkeit auf dem „Altar“ der eigenen Wichtigkeit „geopfert“?
Während ich schreibe, höre ich „The Sound of light“ (Rameau 17./18. Jh.), dirigiert von Teodor Currentzis. Die Vorstellung von umherhüpfenden Noten, die alles tun, um ihre Individualität unter Beweis zu stellen und sich ihrer Wichtigkeit zu versichern, ist amüsant und schmerzlich zugleich
Amüsant, wenn dieses Bild alleine den Noten vorbehalten wäre …
Schmerzlich, sind die Noten doch einfach nur ein Symbol für das Geschehen unserer Zeit.
„Musik ist nicht das Schwarz der Noten,
Sie ist das Weiß des Papiers“
(Teodor Currentzis)
Über die Beweisführung der eigenen Wichtigkeit und der damit verbundenen unverhandelbaren Ansprüche, wie die Menschen im näheren und weiteren Umfeld zu agieren und reagieren hätten, verliert sich die Bedeutung von Gemeinschaft. Lebendige Beziehung und Nähe wird zu einem unerfüllten Sehnsuchtsobjekt.
Die Verantwortung für die logischerweise darauffolgende Enttäuschung tragen selbstverständlich die „anderen“, sie kann nicht in der eigenen Erwartungshaltung liegen. Es ist eine sehr eingeschränkte Sicht auf das Leben und der Preis dieser Sicht- und Handlungsweise ist hoch: Er trägt den Namen Einsamkeit.
Es geht nicht darum, Individualität in Frage zu stellen oder gar zu negieren – nein, sie ist kostbar und ein unverwechselbarer Ausdruck des Lebens. Sie ist es, die die Klangfülle ermöglicht, ja, entstehen lässt.
Es geht um die fehlende Möglichkeit, den Unterschied von wesentlich und wichtig erkennen zu können.
Wir sind wesentlich – aber eben nicht besonders wichtig.
Was wäre die Note ohne Notenzeile… Worin würde sie ihren Halt finden?
Was wäre die Notenzeile, die Partitur, ohne das Papier… Worin würde ihr Sinn liegen?
Wie wäre das Schwarz der Note sichtbar ohne das Weiß des Papieres?
Das Weiß des Papieres … Musik … geboren aus der Stille … getragen von der Stille … verklingend in der Stille.

Alles ist Stille – alles ist Resonanz – wird durchtönt – zum Ton – zum Klang.
Ist es nicht diese Erkenntnis, die Veränderung im Empfinden der eigenen Wichtigkeit ermöglichen kann? Ein starkes „Ich“ braucht keine ständige Aufmerksamkeit für seine Befindlichkeiten, keine Vergewisserung seiner Wichtigkeit. Es kann sich zurücknehmen, erkennt das Wesentliche:
Aus der Stille kommend, ein Klang zu sein in der Melodie des Lebens… Einklang sein.
Einen fröhlichen Klang wünscht Euch,
Eure Petra
Das Autorinnengespräch mit Petra Wagner findet am Dienstag, 21. April um 19.30 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.
