Neuzugang in der spirituellen Leitung:
Lucas Leonhard Wieshuber OP

Ab 2027 ergänzt der 49-Jährige die langjährig bewährte spirituelle Leitung am Benediktushof um Fernand Braun, Dr. Alexander Poraj und Maria Kolek Braun und wird zugleich deren Vorsitz übernehmen. Im Gespräch erzählt der Dipl.-Theologe, Priester und Dominikaner von prägenden Erfahrungen, ersten Eindrücken und seinen spirituellen Wurzeln.

Lieber Pater Lucas, in Deiner Biografie gibt es durchaus mehrere „Wendungen“, gleichzeitig zieht sich mit der Liebe zur Theologie, zur Arbeit mit Menschen und zum interreligiösen Dialog ein roter Faden durch Deinen Lebenslauf. Was waren für Dich persönlich prägende Momente und Entscheidungen in Deinem Leben?

Lucas Leonhard Wieshuber OP: Spirituell am prägendsten für mich war sicherlich der Kontakt mit der Stille und dem kontemplativen Gebet, der mir eine neue innere Dimension im Leben eröffnet und mich in Kontakt gebracht hat mit einer lebendigen Wirklichkeit jenseits des denkenden Verstandes. Das war für mich damals erstaunlich neu und ungeahnt. Und wollte nach und nach ins Alltagsleben integriert werden.

Meine beruflichen Stationen haben mir einen vielfältigen und bunten Erfahrungshorizont in verschiedensten Lebensbereichen ermöglicht, dabei haben meine Auslandsaufenthalte die interkulturelle Perspektive stark erweitert.

Pater Lucas Leonhard Wieshuber

Der plötzliche Tod meines Vaters vor inzwischen fast 20 Jahren hat mir nachhaltig die Wertschätzung jedes einzelnen Tages in diesem menschlichen Körper hier auf Erden eingeprägt.

Und jetzt der Benediktushof, ein Ort für Spiritualität, der insbesondere durch das jahrzehntelange Wirken von Willigis Jäger, seiner Hingabe und Neuausrichtung einer christlichen Kontemplation sowie gleichzeitig von Transkonfessionalität geprägt ist. Magst Du uns kurz skizzieren, wie Du den Ort erlebst und was Dich in Deiner Entscheidung bestärkt hat, künftig hier in der spirituellen Leitung tätig zu sein und sie mitzugestalten?

Seit ich selbst zu Kursen an den Benediktushof gekommen bin, hat mich die Offenheit des Ortes und die Vielfalt der Angebote fasziniert. Dass auf eine Atmosphäre der Stille Wert gelegt wird, durch die Ort stark geprägt wird, finde ich wunderbar. Der Hof als Zentrum, an dem sich religiöse und spirituelle Traditionen begegnen und in Austausch treten, ist ein großer Schatz in unserer heutigen Zeit. Ich wünsche mir, dass dieser Ort weiterhin für viele Menschen geistige Heimat ist, und es würde mich freuen, wenn auch die jungen Generationen den Ort weiterhin mehr und mehr für sich entdecken. Dass sie den kontemplativen Geist hier atmen und durch die Verbindung von Kontemplation und Aktion in die Welt tragen.

All‘ das hat mich ermutigt, meinen Teil zu einem gelingenden Miteinander eines so wundervollen Ortes einzubringen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Orte wie der Benediktushof zukünftig eine wichtige Rolle im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklungen spielen werden. Solche Orte sind wichtig, um Menschen wieder in harmonischen Kontakt mit sich selbst und mit der Umwelt zu bringen.

„Der Hof als Zentrum, an dem sich religiöse und spirituelle Traditionen begegnen und in Austausch treten, ist ein großer Schatz in unserer heutigen Zeit“

Du bist bereits in jungen Jahren über das kontemplative Gebet bei Franz Jalics zur Spiritualität und Mystik gekommen und beschreibst diese Erfahrung als eine ungeahnte, neue Dimension in deinem Leben. Wie hat diese Erfahrung Dich sowie Dein Welt- und Gottesverständnis geprägt?

Für mich wurde eine bis dahin „erlernte“ und durch Sozialisation gewachsene Religiosität zu einer lebendigen Wirklichkeit, in der ich mich selbst nicht mehr als „getrenntes“ Individuum erfuhr. Die Erfahrung meines „Seinsgrundes“, so würde ich es beschreiben, hat mir offenbar gemacht, dass in diesem Zustand nichts fehlt und alles perfekt ist. Dass Gott kein Gegenüber, sondern Grund meines eigenen Seins ist, hat alles bis dahin Geglaubte von außen nach innen gewendet und wieder zurück.

Meister Eckhart spricht bildlich von der „Gottesgeburt im Seelengrund“:

„Wer in allen Räumen zu Hause ist, der ist Gottes würdig, und wer in allen Zeiten eins bleibt, dem ist Gott gegenwärtig, und in wem alle Kreaturen zum Schweigen gekommen sind, in dem gebiert Gott seinen eingeborenen Sohn“, heißt es bei Meister Eckhart. Als geistige Wesen gehen wir in unserem Körper einen irdisch sinnlichen Weg. Oftmals gerät die lebendige innere Quelle dabei in Vergessenheit und wir spüren die Verbundenheit mit ihr nicht mehr. Wenn die „Kreaturen zum Schweigen gekommen sind“ in uns, dann kann die lebendige Quelle in uns ihre volle Kraft entfalten und wir werden „überformt“ von „oben“, beziehungsweise von innen her.

Beim Symposium Mystik & Spiritualität konnten Dich die Menschen am Benediktushof erstmal ganz offiziell erleben. Welche Eindrücke nimmst Du von diesem Wochenende mit und magst du uns etwas von Deiner persönlichen Geschichte mit dem Ort erzählen?  Wie erlebst du den Benediktushof, den Geist, die Menschen bisher?

Pater Lucas

Zuallererst haben mich die ReferentInnen des Symposiums tief berührt, jede(r) auf ihre beziehungsweise seine Weise. Beginnend mit dem „Abgrund“ in der Schöpfungserzählung der Genesis und der Aufforderung der Rednerin „Sei Mut und Beginn“ bis hin zum letzten Vortrag mit der Ermutigung zum „Mut für morgen“ hat sich ein wundervoll vielfältiger Bogen gespannt, der Aktion und Kontemplation, den „inneren und äußeren“ Menschen an einer Vielzahl von Persönlichkeiten und Beiträgen illustriert hat. In den Workshops konnten einzelne Aspekte vertieft werden.

Ich erlebe den Benediktushof als Ort, der inspiriert, der hilft, mit seiner inneren Quelle in Kontakt und Berührung zu kommen, und der einen gestärkt und vielleicht auch etwas geklärter wieder zurück in den Alltag führt.

Ich erlebe die Menschen auf dem Benediktushof als ehrlich und interessiert Suchende auf dem Weg zur eigenen Mitte, bereit, daraus gesellschaftliches Leben inspiriert mitzugestalten.

Du wirst Anfang 2027 zur spirituellen Leitung stoßen, bis dahin vergehen noch einige Monate. Die Menschen am Hof sind natürlich bereits neugierig auf Dich. Wird es im Laufe des Jahres Möglichkeiten geben, Dir persönlich am Hof zu begegnen?

Mein Terminkalender für 2026 war schon ziemlich gefüllt, als ich gefragt wurde, ob ich mir grundsätzlich vorstellen könnte, in der spirituellen Leitung am Benediktushof mitzuarbeiten. Nun ist es mir gelungen, noch einiges möglich zu machen. Ich werde im September beim Herbstcamp für Studierende und Auszubildende dabei sein, zuvor werde ich selbst einen Kurs bei Richard Stiegler besuchen. Darüber hinaus möchte ich auch beim Jahrestreffen der Kontemplationslinie „Wolke des Nichtwissens“ anwesend sein und werde voraussichtlich die Weihnachtstage gemeinsam mit Susann Ahnert-Braun und Fernand Braun gestalten.

Du bist Dominikaner. Magst du uns verraten, was das Kürzel OP hinter deinem Namen bedeutet? Und wird es für dich eine Rolle spielen, als Dominikaner in ein Haus mit benediktinischen Wurzeln zu kommen, das sich als Ort der Stille versteht? Den Dominikanern wird ja die Freude am Predigen nachgesagt…

OP steht für Ordo praedicatorum, Orden der Predigerbrüder, gegründet zu Beginn des 13. Jahrhunderts vom Heiligen Dominikus von Guzman. Da der Dominikanerorden unter anderem das auf Thomas von Aquin zurückgeführte Ordensmotto „contemplari et contemplata aliis tradere“ hat, passt es gut zu diesem Ort. „Predigen“ im Sinne von „Weitergeben“, was man selbst in der Kontemplation erfahren hat. Vieles, was den Geist der Kontemplation und des Transzendenten atmet, hat Platz auf dem Benediktushof. Soweit ich weiß, hat Willigis Jäger als Benediktiner Dominikaner wie Meister Eckhart und Johannes Tauler sehr geschätzt. Von daher scheint mir ein „benediktinisch-dominikanisches Joint Venture“ bereits durch den Gründer des Benediktushofes grundgelegt (lacht).

Im Ernst: Mein Dominikanersein wird eine ähnlich große Rolle spielen wie für Willigis Jäger das Benediktinersein. Jeder schöpft in gewisser Weise aus seiner geistlichen Tradition. Letztlich geht es allerdings um die Anliegen der Stille und Transzendenz und um alles damit Verbundene. Das Schöne ist, dass die Mystik und die mystischen Wege aller Richtungen zwar jeweils einer bestimmten Tradition und Spiritualität entstammen, aber über sie hinausführen und auf das Eine, beziehungsweise die Einheit in uns verweisen. Dort nämlich fallen alle Gegensätze zusammen und wir erfahren die Einheit, die alles verbindet.

Zur Vita:

Der Lebenslauf von Lucas Leonhard Wieshuber OP ist von vielfältigen Erfahrungen, Aufgaben und beruflichen „Wendungen“ geprägt: Nach dem Abitur leistete der gebürtige Oberbayer Freiwilligendienst in Bolivien, absolvierte eine Ausbildung zum staatlich examinierten Krankenpfleger und studierte anschließend katholische Theologie in Regensburg und München. Danach arbeitete er zunächst mehrere Jahre in Berlin für den Deutschen Bundestag und das Institut Marie-Dominique Chenu.

Viele Jahre war er im Bundespräsidialamt für den Bereich „Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften“ tätig und war im Dienst für die Bundespräsidenten Horst Köhler, Christian Wulff, Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier. 2018 trat er schließlich in den Dominikanerorden ein und legte nach dem Noviziat 2022 in Mainz die feierliche Profess ab. 2023 wurde er in Wien zum Priester geweiht und war anschließend in Indien und Thailand tätig.


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