Ein wenig anders
Impulsbeitrag von Fernand Braun, Kontemplations-Lehrer der Linie „Wolke des Nichtwissens“ und Mitglied der Linienleitung „Wolke des Nichtwissens“. Den Videoimpuls findet ihr ab sofort auf unserem YouTube-Kanal.
„Wie das neue Jahr leise an mir vorübergeht – nichts hat sich geändert, und doch ist in meinem Herzen alles ein wenig anders“ – dieses Gedicht der japanischen Dichterin Rengetsu wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Keine großen Versprechen, keine Abrechnung mit der Vergangenheit. Doch gerade darin liegt seine Kraft. Leise geht das neue Jahr vorüber. Kaum wahrnehmbar, beinahe unbemerkt vergeht die Zeit. „Nichts hat sich geändert“, stellt Rengetsu nüchtern fest. Äußerlich scheint alles gleich zu bleiben. Der Alltag setzt sich fort.
Dann der stille Wendepunkt: „Und doch ist in meinem Herzen alles ein wenig anders“.

Es ist eine kleine, kaum bemerkbare Verschiebung. Eine andere Weise zu sehen, zu spüren. Die Veränderung, die hier gemeint ist, geschieht nicht durch Anstrengung, sondern durch vertieftes Wahrnehmen, durch Aufmerksamkeit. Die Welt ist keine andere geworden. Wir begegnen ihr anders – bewusster. Es ist ein anderes Sein in der Welt.
Auch T. S. Eliot beschreibt es ähnlich:
„Wir werden nicht aufhören zu erkunden, und das Ende all unseres Erkundens wird sein, dort anzukommen, wo wir begonnen haben,
und den Ort zum ersten Mal zu erkennen.“
(T. S. Eliot)
Von Natur aus sind wir suchend, fragend und machen uns auf den Weg. Am Ende führt uns alles Suchen paradoxerweise dorthin zurück, von wo wir ausgegangen sind – zu uns selbst und den einfachen Wahrheiten, die wir anfangs vielleicht noch nicht wirklich verstehen konnten.
Obwohl wir zurückkehren, ist nichts mehr wie zuvor. Durch oft schmerzvolle Erfahrungen und Irrtümer beginnen wir das Vertraute mit neuen Augen zu sehen. Wir suchen die ganze Zeit. Am Ende entdecken wir, dass das Wesentliche immer da war, wir aber erst jetzt fähig sind, es zu erkennen. Wahre Erkenntnis entsteht nicht durch bloßes Wissen, sondern durch gelebte Erfahrung.
Bist du da?
Der Anfang liegt deshalb nicht in der Vergangenheit. Er entsteht im Jetzt. In dem Moment, in dem wir wirklich da sind – anwesend, wach, offen für das, was ist. In solchen Augenblicken scheint die Zeit stillzustehen. Wir kennen sie aus der Liebe, aus der Kunst, aus Momenten tiefer Aufmerksamkeit. Die Uhr läuft weiter, aber im Innen scheint sich die Zeit zu weiten. Da ist kein Drängen, kein Müssen, kein Vorwärts. Nur Gegenwart.
Kontemplation fragt deshalb nicht nach Antworten. Nur: Bist du da?
Wenn du gehst, dann geh.
Wenn du sitzt, dann sitz.
Kontemplation bedeutet keinen Rückzug aus der Welt, sondern ein anderes In-der-Welt-Sein. Ein Bleiben bei dem, was ist, ohne es festzuhalten oder wegzuschieben.
Das verändert nichts an unserer Verletzlichkeit. Aber es nimmt ihr den Schrecken. Das Zerbrechliche darf zerbrechlich sein. Angst muss nicht größer gemacht werden, als sie ist. In dieser Unsicherheit jedoch entsteht eine andere Form von Halt: nicht im Außen, sondern in der Präsenz. Ein Halt, der nicht von Stabilität abhängt, sondern von Wachheit.

Zwischen dem, was uns begegnet, und unserer Antwort darauf entsteht ein kleiner Raum – und in diesem Raum wächst Freiheit, kann Heilung und Entwicklung stattfinden.
So ist dies mein leiser Wunsch für dieses neue Jahr:
Nicht ein perfekteres Leben,
sondern ein wacheres.
Nicht mehr festzuhalten,
sondern gegenwärtig zu sein.
Herzlichst, euer Fernand