Klarheit, wo wohnst du?
Impulsbeitrag von Petra Wagner, Kontemplations-Lehrerin der Linie „Wolke des Nichtwissens“ und Leitungsmitglied der Linie „Wolke des Nichtwissens“
Der vertraute Weg, hunderte Male begangen, seltsam fremd. Das selbstverständliche Wissen um den Standort jeden Baumes, jeden Busches, jeder Pflanze, verschwunden. Einmal mit geschlossenen Augen im Kreis gedreht und jegliche Orientierung buchstäblich im Nebel aufgelöst.
Das Licht – verstreut, gebrochen und verdichtet zugleich, so unwirklich. Es gibt keinen Schatten im Nebel und doch scheint alles Schatten zu sein, schemenhaft, nicht greifbar – ohne Substanz.
Jeder Schritt, unsicher und vorsichtig, wird mit Bedacht gesetzt, denn die Augen, das vermeintlich wichtigste Organ zum Erkennen der Wirklichkeit, sind ihrer Kraft der Unterscheidung beraubt. Ein fiktives Szenario? Nein.

In der Nähe eines Flusses wohnend ist diese Erfahrung, vor allem in den frühen Morgenstunden vieler Novembertage, jederzeit wiederholbar – und kostbar. Sie zeigt, dass es nur ein bisschen Nebel braucht, um die gewohnte Sicherheit, selbst beim Begehen eines vertrauten Weges, zu verlieren und jegliche Gewissheit, wo es „lang geht“, in Frage zu stellen.
Wir können getrost davon ausgehen, dass es in unserem Leben – in unserem Innen – viele solcher Novembernebeltage gibt und geben wird.
Getrost … Ist es wirklich tröstlich, das Wissen um diese Tage, diese Zeiten? Ja, kann es sein.
Die Anerkennung der zeitweiligen Orientierungslosigkeit ist Grundvoraussetzung für ein zufriedenes Leben. Ein zufriedenes Leben in seiner zutiefst menschlichen Bedeutung ist frei von der ihrerseits nebulösen Vorstellung jederzeit und in jeder Situation im Besitz der einen, einzigen Wahrheit zu sein. Es erkennt: Es gibt sie nicht.
Zufriedenheit … im Frieden sein mit sich und der Welt beinhaltet das Wissen um und das Annehmen von Stärken und Schwächen, ganz gleich, wie immer sie auch interpretiert werden. Es ist auch die Akzeptanz von Zeiten, in denen die Lösungen für herausfordernde Lebenssituationen nicht sofort sichtbar und umsetzbar sein werden.
Die irrige Idee, jemals Perfektion erreichen zu können, wird erkannt. Mehr noch: Es wird erkannt, dass Perfektion selbst ein Trugbild ist, und das Jagen nach ihr nur ein Fluchtversuch. Ein Fluchtversuch vor der Klarheit.
„Klarheit, wo wohnst du
Wenn im Novembernebel
Alles Licht zerbricht?“
(Petra Wagner)
So groß der Wunsch nach Klarheit, so groß die Angst vor dem manchmal mit ihr einhergehenden Schmerz. Er erinnert an die scharfe, klirrende Kälte eines frostigen Wintertages, die nur bewusstes Einatmen erlaubt, ansonsten wird es schmerzhaft. Die Versuchung, durch flaches, oberflächliches Atmen dem Schmerz auszuweichen, ist groß – und doch: Das bewusste Atmen (als Symbol) in der vielleicht schmerzlichen Anwesenheit von Klarheit fordert und fördert die Wachheit das Bewusstsein für den Augenblick, für das Leben selbst – jenseits der doch eher gewünschten eigenen Wahrheiten und Vorstellungen.
Eine friedvolle liebevolle Lebensweise erkennt die Gefahr der Selbstüberhöhung durch vermeintlich feststehende Wahrheiten und Gewissheiten an.
Sie lässt den Gedanken zu, dass es die Möglichkeit eines emotional aufgeladenen, sich im Kreise drehenden Gedankennebels gibt, der das Erkennen der Wirklichkeit bestenfalls schemenhaft werden lässt. Sie weiß um Unsicherheiten und Verlorenheit im Denken und Fühlen und die damit verbundene Kostbarkeit, schützt es doch vor allzu starrer mentaler und emotionaler Unbeweglichkeit.

Geht – auf vertrauten Wegen – im Nebel spazieren, ohne den Versuch, alles sehen und hören zu wollen, denn der Nebel dämpft auch die Geräusche. Die Stille spüren, still werden und vertrauensvoll sich vom Schritt finden lassen. Dort wohnt die Klarheit:
Die Klarheit der Erkenntnis, dass nichts so ist, wie es sicher zu sein scheint, und nichts so bleibt, wie es ist. Alles, ausnahmslos alles ist in jedem Augenblick neu.
Petra.
Das Autorinnengespräch mit Petra Wagner findet ausnahmsweise am Donnerstag, 20. November um 19.30 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.
