Benediktushof - Zentrum für spirituelle wege
Zen
 
Cornelius von Collande: Auschwitz-Retreat Drucken

Der Psychotherapeut, Zen- und Achtsamkeitslehrer Cornelius von Collande schreibt über seine Erfahrungen auf einem Auschwitz-Retreat.

 

 

Fünf Tage meditieren in Auschwitz. Ich hatte meine Vorstellungen über einen Ort des Schreckens, aber was ich fand war ein heiliger Ort. Ein Ort an dem Trauer und Freude, Verzweiflung und Hoffnung, Hass und Liebe, Weinen und Lachen auf unfassbare Weise miteinander verwoben sind.

 

Bernie Glassman Roshi und sein Team begleiteten uns auf diesem Retreat im Rahmen der Zenpeacemakers. Niemand von ihnen hatte die Rolle eines Lehrers. Der Lehrer war Auschwitz. Ein mächtiger Lehrer, dem man nur schweigend begegnen kann. Wir lauschten dem Lehrer, indem wir meditierten, jüdische, christliche oder buddhistische Rituale feierten, die Namen der Ermordeten rezitierten. Wir waren ungefähr 100 Leute, aus Israel, Palästina, Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Italien, Belgien und Frankreich sowie den USA und deren indigenen Einwohnern. Jeder von uns hatte Listen mit Hunderten von Toten, immer wieder gleiche Namen: von Großeltern, Eltern, Kindern und Enkeln einer Familie, Namen, hinter denen das Alter zur Zeit ihres Todes vermerkt war, seitenweise Kinder, 1 Jahr alt, 2 Jahre alt, 5 Jahre alt, 12 Jahre alt.

 

Drei Grundsätze begleiteten uns:

 

Nichtwissen: Ich bin bereit, meine Vorstellungen, Annahmen und Überzeugungen in Frage zu stellen, ich bin bereit meine Einteilung in Gut und Böse und meine Annahmen darüber, wie und was das Leben ist, als Konzepte zu erkennen.

 

Bezeugen: die Abgrenzung aufgeben und sich damit für „das Andere“ öffnen, das Andere werden. Bezeugen bedeutet, das Unfassbare zu sein.

 

Liebevoll Handeln: Wenn ich bereit bin, mit einer offenen Haltung dem Leben zu begegnen, wenn ich den Mut habe, mich ihm auszusetzen, dann entsteht eine Stille in mir, die zu einer verbundenen Handlung führt. Hier entsteht Mitgefühl, Kraft, Liebe und Erkenntnis, und hier entsteht die Kreativität, diese Eigenschaften in einer liebvollen Handlung zum Ausdruck zu bringen.

 

Die beiden Säulen jeglicher Spiritualität sind Weisheit und Mitgefühl. Für Bernie Glassman zeigt sich der Grad des Erwachens im dritten Grundsatz, dem liebevollen Handeln. Um dieses zu fördern, werden von ihm Retreats an „besonderen Orten“ abgehalten. Zwischen den Obdachlosen in New York oder eben in Auschwitz.

 

Besonders erinnere ich mich an die Feier von Rabbi Ohad Ezrahi. Ein wunderschöner klarer Herbsttag, strahlend blauer Himmel, alte Eichen mit rotgelbem Laub neben der Gaskammer III, Vögel zwitschern und in der Ferne äsen ein paar Rehe. Daneben die Teiche, in die die Asche der Ermordeten gekippt wurde. Die Bäume spiegeln sich darin. Kaddisch, das jüdische Totengebet wurde gelesen: „Möge der Große Name, dessen Begehren das Universum gebar, in der Schöpfung wiederhallen. Jetzt! Möge diese Große Gegenwart euer Leben und euren Tag lenken und alles Leben unserer Welt.“ Wer kann das alles fassen, wer kann das ertragen? Das buddhistische Ritual in der Baracke der Kinder. Kleine Leitern an den dreistöckigen Betten, an den Wänden naive Bilder von fröhlichen Kindern, die zur Schule gehen. Hier versteinert mein Herz, dann verschwindet es ganz: Gleichgültigkeit und touristisches Interesse an „interessanten Details“. Darf ich so sein? „Mögen wir immer den Mut haben, Zeuge zu sein“. Ich fühle mich schrecklich und bin gezwungen, auch das zu bezeugen. „Die Buddha-Natur durchdringt das ganze Universum, existiert hier und jetzt … Das ist unser Leben, die Dauer unserer Tage.“

 

Am letzten Tag gehen wir schweigend durch die einzelnen Stationen der Häftlinge: Die Selektion, Entblößung von Kleidung, Haaren und Namen. Baracke, Arbeit, Gaskammer, Krematorium, Teiche der Asche. An jeder Station gedenken wir einer Gruppe. Auch der Täter gedenken wir. Waren das Monster oder hatten sie Arme, Beine, Körper, Gesichter wie wir? Hatten sie selber nicht auch Kinder, denen sie abends einen Gutenachtkuss gaben und die sie trösteten, wenn sie schlechte Träume hatten? „Mögen wir immer den Mut haben, uns selbst als das Andere zu begreifen und das Andere in uns zu sehen.“

 

Den letzten Abend beschloss das Sabbatfest. Große Offenheit, große Sehnsucht, die Braut, die Königin des Sabbats zu empfangen. Die Frauen entzünden die Sabbatkerzen, Dann geben sie das Licht weiter an die Männer, und alle geben es schließlich der Welt. Das Weibliche vereint sich mit dem Männlichen. In einem ausgelassenen Tanz endet das Fest. Shabbat Shalom! Das Ganze Leben in diesem Augenblick.

 

(Den ganzen Text können Sie in der Osterausgabe der Zeitschrift „West-Östliche Weisheit Heute“ nachlesen.)

 

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