Gruß von Willigis Jäger Drucken

Alle Dinge schmecken nach Gott

 
Willigis Jäger zeigt in seinem Beitrag auf, dass die Übung der Kontemplation und des Zen nicht in einen von der Welt abgehobenen "Erleuchtungszustand" führt, sondern zur Erfahrung unseres wahren Wesens in diesem Augenblick.

Wir haben das wahre Sein in den Dingen und Formen unseres Lebens zu erfahren. Meister Eckhart sagt uns das immer wieder. „Alle Dinge schmecken nach Gott“, und „Gott schmeckt sich selbst in allen Dingen!“ und „Alle Dinge werden ihm lauter Gott“ - „Wer Gott so im Sein, hat, ... dem leuchtet er in allen Dingen; denn alle Dinge schmecken ihm nach Gott, und Gottes Bild wird ihm aus allen Dingen sichtbar." (Quint, Traktate S. 60/61)
 
Das Leben liegt im Hier und Jetzt, im Augenblick des Alltags. Im Grunde tun wir auf unserem spirituellen Weg nichts Besonderes, wir versuchen den Augenblick zu leben.  Da sind wir zu Hause, da sind wir unserem Seinsgrund am nächsten. Er spricht sich selbst aus, in dem was wir tun.

Im Zen kommt diese Achtsamkeit ständig zum Ausdruck. - ‚Ich spalte Holz, ich trage Wasser, wie wunderbar!' – Oder in der Geschichte von Ikkyu:
 
Ein Mann kommt zu ihm und bittet um ein Wort fürs Leben. Ikkyu nimmt den Pinsel und schreibt „Achtsamkeit“. Der Mann bittet, doch noch etwas hinzuzufügen, das sei doch etwas wenig. Ikkyu nahm den Pinsel und schrieb: „Achtsamkeit! Achtsamkeit!“ Da wurde der Mann böse und beklagte sich, dass er doch so viel Geld ausgegeben habe für seine Reise zum Meister, ob das denn wirklich alles sei. Ikkyu nahm den Pinsel und schrieb: “Achtsamkeit! – Achtsamkeit! – Achtsamkeit!“
 
- In den Koans wird Achtsamkeit zum Mittelpunkt. Da ist z. B. das Koan  mit der hundert Fuß hohen Fahnenstange: „Auch wenn einer sitzend auf einem hundert Fuß hohen Mast Erleuchtung erfahren hat, ist es noch nicht die vollständige Sache. Er muss von der Spitze des Mastes vorwärts gehen und seinen ganzen Körper in den zehn Richtungen des Weltalls deutlich zeigen“, d. h. er muss zurück in den Alltag.
 
Wie es auch die Ochsenbilder sagen. Das letzte Bild ist der Marktplatz. Da zeigt sich, ob die Erfahrung wirklich echt war und den Menschen verwandelt hat. Wer da nicht ankommt, ist ein Blinder, der Blinde führt. Josef Beuys hat es richtig ausgedrückt, wenn er sagte: „Das Mysterium findet im Hauptbahnhof statt“.
Stoppstellen im Alltag.

Wir brauchen Zeichen am Weg, die uns erinnern. Der Atem ist ein solches Zeichen. Wir haben ihn immer bei uns. „Dieser eine Atemzug“. Es gibt andere Gelegenheiten, ganz bei uns zu sein. Z. B. wenn wir morgens zur Bushaltestelle gehen, wenn wir dort warten, wenn wir in der Einkaufsschlange stehen, im Sprechzimmer des Arztes sitzen.
 
Jede kleinste Aktion, die wir vollziehen - die Stiege hinaufgehen, die Türe öffnen, die Hände waschen, an der roten Ampel warten - sollte von großer innerer Wachheit begleitet werden. Es geht dabei nicht um Konzentration. Konzentration spezifiziert und schneidet aus.
 
Es geht viel mehr um eine Präsenz, die aus der Tiefe des Seins selber aufsteigt. Was auf den ersten Blick wie eine Verengung aussehen mag, ist in Wirklichkeit der wahre Einstieg in das wirkliche Leben.
 
Es gibt so viele Gelegenheiten, wirkliches Leben einzuüben, d. h. ganz bei uns zu sein, ganz bei dem zu sein, was wir tun. Es mag dann schwer fallen, manche Dinge gleichzeitig zu tun, z. B. Essen und Fernsehen; Lesen und Musik hören. Wir haben wieder zu lernen, wie man isst, Salat putzt oder bestimmte Dinge tut.
 
So mancher, der sich auf den Zenweg oder auf den Weg der Kontemplation macht, hat falsche Erwartungen. Er versucht „Erleuchtung“ zu erreichen. Aber „Satori“ – „Erleuchtung“ ist im Augenblick. Es ist nicht ein von der Welt abgehobener Zustand, sondern die Erfahrung unseres wahren Wesens in diesem Augenblick. Darum sprechen wir nicht von Erleuchtung, sondern von Realisation der Wirklichkeit.
 
Das Ursakrament
Letztlich ist das „Sakrament des Augenblickes“ die Fähigkeit, wach in allem zu sein, was man tut. Es ist das Ursakrament, aus dem alles andere fließt.
 
Aufmerksamkeit bringt uns ins Leben. Sie hilft uns, jede Minute des Lebens voll auszuschöpfen. Man lebt nur im Augenblick. Wie oft aber sind wir in der Vergangenheit oder in der Zukunft.
 
Wache Aufmerksamkeit ist wohl die schwerste, aber auch wichtigste Übung unseres Lebens. Sie ist eine ständige Unterbrechung der Ichaktivität.
Der Mensch fließt nicht mehr mit dem Strom der Gewohnheit. Er lässt seinem Bewusstsein nicht den willkürlichen Lauf. Dieser willkürliche Lauf ist es, der uns die Tiefen verschließt.
 
Wir werden mit der Übung der Aufmerksamkeit in unser wahres Selbst geführt und  so auch nicht mehr von einer egoistischen Denkweise beherrscht. Um in Kontakt zum wahren Leben hier und jetzt zu kommen, scheint diese Übung der Aufmerksamkeit wichtig zu sein.
 
Das Ziel der spirituellen Wege ist also nicht irgendein ekstatischer Zustand, auch wenn sich viele Menschen Mystik so vorstellen, auch wenn das ein unausrottbares Missverständnis in der abendländischen Mystik ist. Ekstase ist nur Durchgang.
Das Ziel ist die Erfahrung des Lebens in diesem Augenblick.
 
Es gibt viele Geschichten, die das ausdrücken. Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Da gibt es Leute, die euch anleiten möchten, wenn sie sagen: ‚Gottes Herrschaft ist im Himmel’, hört nicht hin. ... Gottes Herrschaft ist vielmehr überall in der Welt, innerhalb und außerhalb von euch.“ (Thomasevangelium 3)
 
Ein Mönch, der jahrelang im Kloster geübt hatte und zu großer innerer Klarheit gekommen war, bat seinen Meister, in die Berge gehen zu dürfen, um die letzte Wahrheit der Welt und seiner selbst zu finden. Der Meister ließ ihn ziehen.
 
Der Mönch packte sein Bündel und ging auf Wanderschaft.
Vor dem Wald traf er einen Alten. Der Alte fragte den Mönch: „Sag Freund, wo gehst du hin?" Der Mönch antwortete: „Ich habe die ganzen Jahre geübt und nun möchte ich wissen, was wirklich wahr ist. Ich möchte den innersten Punkt berühren. Sag Alter, weißt du etwas über die Erleuchtung?"
 
Der Alte ließ einfach das Bündel fallen. Der Mönch begriff. „Und was ist nach der Erleuchtung?“ Der Alte nahm sein Bündel wieder auf und ging davon. Es ist ein weiter Weg, bis der Mensch begreift, dass ES das Abstellen und Aufnehmen eines Bündels ist und dass sich der Urgrund des Lebens in den einfachsten Dingen des Lebens ausspricht und vollzieht.
 
Willigis Jäger, Juli 2011

 
 

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