Benediktushof - Zentrum für spirituelle wege
Zen
 
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Neuronale Plastizität durch Nichts-Tun:

Schau' mir in die Finger, Kleines...!

 

Sebastian Thomas Philipp stellt seine Ergebnisse des Forschungsprojekt „Neuronale Plastizität durch Nichts-Tun“ vor,  das während des  diesjährigen Sommertrainings am Benediktushof stattfand und von der West-Östlichen Weisheit-Willigis Jäger Stiftung unterstützt wurde.

 

Bin ich verliebt, habe ich Schmetterlinge im Bauch; bin ich wütend, bekomme
ich einen dicken Hals; nehme ich etwas Schreckliches wahr, läuft es mir kalt
den Rücken herunter. Offensichtlich bilden Körper und Geist eine sich
gegenseitig befruchtende und untrennbar miteinander verbundene Einheit. Unser
wissenschaftliches Menschenbild ist hingegen oft noch geprägt von einer
Descates'schen Trennung des Körperlichen und des Geistigen.
Da dürften sich die Verfechter integraler und ganzheitlicher Menschenbilder
freuen zu sehen, dass sich Neurowissenschaftler seit einigen Jahren intensiv
für gerade den Schnittpunkt zwischen körperlichem neuronalem Substrat und
geistigem Phänomen interessieren:
Wie wirkt der Geist auf den Körper, wie der Körper auf den Geist?


Am Benediktushof durfte ich im Rahmen meiner Doktorarbeit während der diesjährigen Sommertrainings ein so geartetes Forschungsprojekt durchführen, welches von der Willigis-Jäger-Stiftung unterstützt wurde und von dem ich im Folgenden berichten möchte.

 

Forschungshintergund
Seit langem wissen wir, dass ein längeres Training der Fingerkuppen, bei dem
diese intensiv zum Fühlen und Betasten benutzt werden, die
Wahrnehmungsleistung der Finger massiv verbessert (Beispiel Blinde, die
Blindenschrift lesen). Dies liegt daran, dass es dabei zu einer Veränderung
der neuronalen Repräsentationen kommt, was die Grundlage neuronaler
Plastizität ist: Körperliches Training ändert die körperliche neuronale
Struktur.

 

Die Berührungsschwelle am Finger kann man sehr genau messen, indem man mit Haaren verschiedener Stärke bestimmt, ab welcher Krafteinwirkung die Probanden eine Berührung am Finger wahrnehmen;

Mit Nadeln verschiedener Abstände bestimmt man, ab welchem Abstand zwei Punkte als ein Punkt wahrgenommen werden und erhält so eine Zwei-Punkt-Diskriminations-Schwelle.
 

Wenn diese Schwellen vor und nach einem Training bestimmt werden, kann man
feststellen, ob und wie die taktile Wahrnehmungsleistung, und damit
einhergehend, die neuronale Repräsentation durch ein Training verändert
wurden.

 

Diese Wirkung eines Trainings auf die neuronale Repräsentation beruht auf der
im Fachjargon genannten „Neuronalen Plastizität“:
Unsere Wahrnehmung der Welt und damit die Gehirnstrukturen, die die Wahrnehmung erzeugen, sind nicht fix und unveränderbar, sondern, in Abhängigkeit von der Außenwelt, veränderbar.
 

Aber verändert nicht vielleicht schon allein das bewusste Wahrnehmen der Welt
im jetzigen Augenblick unsere Art und Weise, die Welt wahrzunehmen – und
damit die Art in ihr zu agieren – und damit wiederum die Welt selbst? Braucht
es dafür wirklich ein Training von Außen?

 

Forschungsablauf
Wir haben zwanzig freiwillige Teilnehmer des Sommertrainings, nachdem wir am
Anreisetag ihre Wahrnehmungs-Schwellen im rechten Zeigefinger bestimmt haben, äußerlich einfach mal Nichts tun lassen. Zehn der Probanden bekamen für drei Tage jedoch die innere Aufgabe, sich je zwei Stunden am Tag in nicht-wertender Geisteshaltung der Empfindungen in ihrem rechten Zeigefinger  bewusst zu sein; derjenigen Empfindungen, die spontan und ohne äußere Einwirkungen bei ihrer Zazen-Praxis auftreten: Kribbeln, Wärme, Kälte,
Taubheit, Schmerz. Einfach nur wahrnehmen! Keine äußere Stimulation des
Körpers, kein Training der Zeigefinger.
 

Die zehn anderen Probanden wurden gebeten, während der drei Tage wie gewohnt zu praktizieren, also zum Beispiel den Fluss des Atmes zu spüren. Am dritten Tag bestimmten wir die Wahrnehmungs-Schwellen dann erneut und verglichen sie mit den Werten des Anreisetages.

 

Hierbei fanden wir bei den zehn Probanden, die ihre gewohnte Praxis ausführten, keine Änderung der Wahrnehmungs-Schwellen. Bei den zehn Probanden jedoch, welche die Aufgabe hatten in ihren rechten Zeigefinger hineinzuspüren, fanden wir erniedrigte Schwellen der Zweipunkt-Diskrimination und um ein Vielfaches erniedrigte Berührungs-Schwellen im rechten Zeigefinger  – diese Verbesserungen der taktilen Wahrnehmungsleistung waren auch noch nach einem weiteren Tag zu beobachten.
 

Solch starke Verbesserungen in der Wahrnehmungsleistung, wie wir sie bei den
Berührungs-Schwellen messen konnten, wurden durch äußeres Training der
Fingerkuppen bislang nie beobachtet.
 

Welche Möglichkeiten diese Beobachtungen für konkrete Therapieformen von Menschen mit körperlichen Defiziten bedeuten könnten, planen wir derzeit in weiterführenden Studien zu untersuchen.

 

Zusammenfassung
Und so schließt sich hier nun der Bogen zum Anfang dieses kleinen Forschungsberichtes.
Der geistige Akt des Sich-Bewusst-Seins der Empfindungen im Finger allein reichte bei den zehn Probanden schon aus, um ihre Berührungs-Schwellen und damit vermutlich auch gleichfalls im Gehirn die neuronale Repräsentation zu verändern.
 

Was spirituell Praktizierende schon seit Jahrtausenden immer wieder erfahren dürfen, können wir – mit aller gebotenen Vorsicht –   auch in diese wissenschaftlichen Ergebnisse interpretieren:

Der Körper wirkt auf den Geist, der Geist wirkt auf den Körper – sie bilden eine untrennbar miteinander verbundene Einheit. Eine Hypothese, die diese Beobachtungen erklärt, ist die anzunehmen, dass durch die innere Fokussierung auf die Empfindungen des Zeigefingers Gehirnaktivitäten ausgelöst wurden, die ihrereseits – analog wie die durch Training ausgelösten – zu Lernprozessen führen, die die Gehirnrepräsentationen und damit die Wahrnehmungsleistung verändern.

 

Ja, so wie im wissenschaftlichen Experiment, wo nach dem Spüren in die Finger ein vielfach kleinerer äußerer Reiz ausreichte, um eine Berührung wahrnehmbar werden zu lassen, fühlt es sich auch introspektiv an:
Das angst- und wertungsfreie Wahrnehmen der Welt und meiner Verbundenheit mit ihr, das Wahrnehmen dieser gegenseitigen Resonanz, öffnet mich der Welt, macht mich ihr zugänglich, macht mich berührbarer, lässt die Grenzen zwischen Ihr und Mir, zwischen dem Ich und dem Du, kleiner werden und verschwimmen, um uns in trauter Zweisamkeit Eins sein zu lassen.

 

Lassen wir also den Liebenden ihre in Resonanz schwärmenden Schmetterlinge im Bauch, denn genau um diese geht es doch im Wesentlichen ...


Autor: Sebastian Thomas Philipp (1,2)
Co-Autoren: Dr. Thomas Wachtler (1), Dr. Hubert Dinse (2)
Kontakt: seb.t.p@gmx.de
(1) Ludwig-Maximilians Universität München
(2) Ruhr-Universität Bochum

 

 

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