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Die Zeichen der Zeit
Über das Umdenken und das Tun…

 

…spricht Paul Kohtes in einem Interview mit Nadja Rosmann und Christian Salvesen


 

In den letzten fünf Jahren hören wir nur noch von Krisen: Wirtschaftskrise, Bankenkrise, Schuldenkrise, Eurokrise etc. Dazu dann die Probleme in anderen Bereichen. Sehen Sie eine tiefere Ursache dahinter und eine mögliche Lösung – vielleicht die stärkere Hinwendung zur Weisheit, wie sie laut der aktuellen Studie Ihrer Identity Foundation von einer hohen Prozentzahl der Deutschen gefordert wird?

 

Das ist eine komplexe Frage. Die aktuellen Krisensymptome und der damit einhergehende Aktionismus in Politik und Wirtschaft lenken unsere Aufmerksamkeit zum Teil davon ab, dass es letztlich um die Frage einer ganz grundsätzlichen Veränderung geht. Das ist allerdings nichts Neues, denn im Prinzip hat bisher jedes Jahrhundert seine ganz besonderen Herausforderungen mit sich gebracht. Die Frage ist: Welche Veränderungen sind jetzt, in unserer Zeit, angesagt? Und da offenbart sich in der Studie, dass im Hinblick auf Weisheit tatsächlich ein Defizit besteht. Die Menschen spüren, dass der bestehende Funktionalismus nicht mehr trägt, und sehen im „Nachdenken“, in der „Innenschau“ eine konstruktive Perspektive.

 

Schon vor etlichen Jahren haben Sie in Ihrem Buch „Dein Job ist es frei zu sein“ für ein Umdenken und eine Entschleunigung im Top-Management plädiert. Was hat sich seitdem geändert?

 

Mir ging es in dem Buch nicht um Entschleunigung. Ein Wettläufer wird nicht besser, wenn er langsamer läuft. Warum soll man nicht Dinge auch in hoher Geschwindigkeit tun? Es geht jedoch darum, einen Ausgleich zu schaffen und zu lernen, wie man die Kraft und Energie klüger einsetzt. Was den Wandel betrifft: Es hat sich viel verändert, wozu das Buch sicher auch beigetragen hat. Die Bereitschaft, sich mit solchen Themen, die früher als esoterisch abgetan wurden, zu beschäftigen, ist in Managementkreisen enorm gewachsen. Man kann heute ganz normal und natürlich über „Meditation“ sprechen. Nicht zuletzt die inzwischen geführte gesellschaftliche Diskussion über das Thema Burn-out eröffnet den Zugang zu weiteren Themen, die viel mit Weisheit zu tun haben. Und gerade die jüngere Managergeneration ist dafür offen, neue Ansätze und Perspektiven zu entwickeln und etwas auszuprobieren.

 

Zeigt sich da nicht auch eine Sehnsucht nach Sinn und Weisheit?

 

Die hat es immer gegeben, sie ist allerdings in Zeiten, in denen das Business sich gut entwickelt, leicht zu betäuben. Jetzt, wo alles nicht mehr so glatt läuft, stellen sich viele Menschen wieder verstärkt die Frage, was denn der tiefere Sinn von all dem sei, was sich in der Welt vollzieht. Die Sinnfrage und die damit verbundene Bereitschaft zur Veränderung werden erfahrungsgemäß immer dann aktuell, wenn sich die Dinge anders entwickeln, als wir erwarten, oder, zugespitzt, wenn es uns schlecht geht.

 

Wie sind Spiritualität und Nachhaltigkeit verbunden? Kümmert sich ein spiritueller Mensch stärker um seine Umwelt als ein nichtspiritueller?

 

Es liegt nahe, dass Menschen, die eine höhere Bewusstheit kultiviert haben, nicht einfach so in den Tag hinein leben und rücksichtslos darauf los konsumieren. Ich glaube, mit wachsender Bewusstheit entsteht eine natürliche Bereitschaft, die Folgen des eigenen Handelns zu bedenken und auch Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für Nachhaltigkeit und dafür, dass diese nicht nur als Marketingmaßnahme instrumentalisiert wird.

 

Was sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Probleme, die unbedingt und so schnell wie möglich in Angriff zu nehmen sind – und wie könnte Spiritualität dabei helfen?

 

Erstens brauchen wir eine Ideenkultur, die Veränderungen in einem positiven Sinne bewirkt. Es gibt ja zwei Möglichkeiten der Veränderung: Entweder es kommt zum Crash, auf den wir durch die „self fulfilling prophecy“, d.h. die negativen Erwartungen, die in den Medien geschürt werden und die auch durch unsere Köpfe geistern, unweigerlich zuzusteuern scheinen. Oder wir schaffen einen Wandel durch Freude und Begeisterung. Wir brauchen eine Kultur, die einen konstruktiven Wandel stimuliert. Wie können wir wieder die Begeisterung wecken, dass die Menschen sich auf etwas zu bewegen und damit bereit sind, sich bzw. ihr Umfeld positiv zu verändern? Wenn ich einfach nur sage „Wir müssen die öffentlichen Ausgaben kürzen“, dann gibt es ein Riesengeheul. Wenn ich aber mit einer zündenden Idee komme, warum ein solcher Schritt sinnvoll ist und was wir dadurch bewirken können, dann wären Millionen von Menschen bereit, auch mit etwas weniger auszukommen.


Ich glaube, eine Veränderung durch Begeisterung ist nur möglich, wenn eine spirituelle Perspektive einfließt. Spiritualität nicht im Sinne von Religion, sondern im Sinne einer größeren Bewusstheit, durch die der Gesamtzusammenhang, das „Große Ganze“ gesehen wird.


Ein zweiter Punkt ist, dass wir das politische System erneuern müssen, wenn das überhaupt möglich ist. Dieses System ist mittlerweile so in sich selbst verstrickt, dass es keine authentischen Personen mehr hervorbringt und damit auch nicht mehr zu einer authentischen Politik führt. Es scheint nur noch um Abhängigkeiten, Rollenspiele und politisches Überleben zu gehen. Es steht nicht mehr die große Sache im Vordergrund, sondern es geht nur noch um das Taktieren. Innerhalb eines solchen Systems lässt sich nichts konstruktiv verändern.

 

Und ein neues System braucht vor allem erst mal eine neue Idee. Ich will damit nicht den Abgesang auf die Demokratie anstimmen, aber die Form der Demokratie muss verändert werden. Und dazu gibt es ja bereits etliche Ideen.
Dasselbe gilt für das Finanzsystem. Ob sich das ohne Crash reformieren lässt, weiß ich nicht, aber dass die virtuelle Aufblähung von Finanzmärkten zu nichts Gutem führt, ist ja ganz offensichtlich. Es wird immer von der „Lösung der Finanzkrise“ geredet, aber die ist nicht zu lösen. Mit den Mitteln der Finanzwelt und der Politik ist diese Krise nicht zu beenden, denn dafür ist der (Schulden-)Berg schlicht zu groß.

 

Was ist mit der neuen Protestbewegung „Besetzt die Wallstreet“? Die sagen: „Wir sind 99% des Systems“. Fordern die nicht eine neue Verbindlichkeit und Verbundenheit ein? Bisher ist da ja eine klare Trennung zwischen oben und unten. Kommt es jetzt dazu, dass die Menschen mehr Verantwortung übernehmen wollen?

 

Protestbewegungen sehe ich eher kritisch, denn häufig geht es dabei schlicht um ein Wegdelegieren. Letztlich ist der Gedanke, immer nur die anderen müssten sich ändern, nur ein Ausweichen vor der eigenen Verantwortung. Dann ist wieder die Politik gefragt, und wenn die Parlamentarier dann tatsächlich etwas unternehmen, dann wähle ich sie nicht mehr ... Viele Protestbewegungen scheinen sich darüber hinweg zu mogeln, dass einem nennenswerten Teil der Bevölkerung (noch) die Bereitschaft fehlt, sich wirklich persönlich für Veränderungen einzusetzen. Gegen etwas zu sein, ist zu wenig.

 

Ist Spiritualität da vielleicht ein Link, sich überhaupt erstmal als vitaler Teil in einem größeren Ganzen zu erfahren?

 

Das ist eine schwierige Frage, denn Spiritualität kann auch dazu führen, dass ich den Dingen ihren Lauf lasse. Um herauszufinden, was ist für mich dran, wo stehe ich in diesem größeren Kontext: Bin ich in der Rolle des Gabriel, der mit dem Schwert dazwischenschlägt, oder in der Rolle desjenigen, der sich einfach rauszieht aus dem System. Da muss ich aufpassen, dass ich nicht in eine psychologische Falle laufe und womöglich nur noch meinem Ego folge.

 

Haben Sie einen Vorschlag für eine praktische spirituelle Übung zum Thema Nachhaltigkeit?

 

Ich kann darüber meditieren. Ich kann ganz konkret über die Welt und ihren Zusammenhang, den Kosmos, die Zukunft der Erde und der Menschheit meditieren. Ich kann das hinein nehmen in meine Meditation, das ist eine wunderbare Übung.

 

Und wie komme ich dann nach der Meditation zum Tun?

Weiß ich nicht, das wird sich ergeben. Meditation ist ja nicht der Versuch, eine Gebrauchsanleitung zu finden, sondern ein Weg, sich in einen größeren Zusammenhang zu stellen und dann daraus zu handeln – wenn es dran ist.

 

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Wenn Politik versagt, ist Philosophie gefragt:


In Zeiten der Krise positionieren sich die Deutschen als Volk der Denker. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung wünschen sich mehr geistige Besonnenheit im öffentlichen Diskurs anstelle eines Krisen-Aktionismus. Wo weltweite politische Umbrüche, ökologische Katastrophen, aber auch die nach wie vor nicht ausgestandene Finanzkrise mehr Fragen aufwerfen, als die Politik Antworten zu bieten vermag, betrachtet eine große Mehrheit der Bevölkerung die Philosophie als die Instanz, die unverfälschtes Orientierungswissen liefert.
 

74,6 Prozent aller Deutschen sind der Ansicht, es gäbe nicht so viele Probleme auf der Welt, wenn die Menschen mehr nachdenken würden. Sogar 86,1 Prozent meinen, dass Denken ein wesentlicher Modus der Lebensgestaltung ist, und fast genau so viele, nämlich 85,2 Prozent, betrachten Nachdenken als wesentliches Moment der persönlichen Entwicklung. So die Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung zum Philosophie-Verständnis der Deutschen im Auftrag der gemeinnützigen Stiftung für Philosophie Identity Foundation in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Soziologie der Universität Hohenheim. Befragt wurden 1.000 Männer und Frauen ab 14 Jahren durch die GfK Marktforschung.
Quelle: Identity-Foundation.
 

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Paul J. Kohtes (geboren 1945) leitet Seminare in Zen-Meditation und hat gemeinsam mit der Zen-Lehrerin Brigitte van Baren das Führungskräfteprogramm „Zen for Leadership“ ins Leben gerufen. Zudem ist er Gründer der Identity Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung für Philosophie, die das Thema Identität erforschen und Menschen zu einem freien und selbstbestimmten Leben führen will. Info: www.identity-foundation.de
 

 

 

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