“Öffne dich – dem Klang des Lebens”

Rückblick auf die Feier des Lebens vom 04.09.2021

Am 04. 09.2021 fand am Benediktushof seit langem, und seit dem Tod von Willigis-Jäger zum ersten Mal wieder, die Feier des Lebens in Präsenz statt. Gemeinsam mit Teilnehmer*innen des Kurses „Wenn die Seele singt“ von Markus Stockhausen konnten weitere Gäste im Gewölbesaal an der Feier teilnehmen – aufgrund der Corona-Bestimmungen leider weniger als früher. Geleitet wurde diese schlichte Form des Gottesdienstes von Irene Schneider, Mitglied im Spirituellen Leitungsteam. Sie erinnerte zu Beginn an Willigis und seine Präsenz im Raum. Mit dem Verweis auf das Markusevangelium begann dann die Feier des Lebens zum Thema “Öffne dich – dem Klang des Lebens”.

„Da brachten sie zu Jesus einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg; … danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.”
(Markusevangelium 7,32-35)

In dieser Erzählung geht es in Wirklichkeit um uns, um unsere Taubheit und Stummheit. In welcher Weise sind wir taub und stumm?

Wir hören, doch meist zu viel, vor allem unnötige Beschallung, viel Unsinn, was so geredet wird: Oberflächliches, Belangloses, zu viel Smalltalk. Dadurch stehen wir in Gefahr, taub zu werden für das Wesentliche. Und viele sind es schon.

Jesus nimmt den Tauben beiseite, von der Menge weg – im Wissen, dass Heilung im Rückzugsraum der Stille geschieht.

Auch der Hof hier ist ein Ort weg von der Menge, wo wir im Schweigen und in der Stille den Mund und in gewisser Weise auch die Ohren in Bezug auf die Stimmen von außen schließen. Denn es geht um das Hören einer anderen Stimme, der Stimme, die aus dem Inneren kommt.

Die Aufforderung Jesu: Öffne dich, gilt deshalb auch uns – hier und heute. Es geht um das Öffnen unserer Ohren für den Klang in und hinter allen Dingen. Und darum, diesen großen Klang in uns zum Klingen kommen zu lassen. Der Urklang, der göttliche Klang will erlauscht und vernommen werden. Es ist der Urklang des Lebens, der Lebendigkeit und der Liebe. Doch diese überhören wir aufgrund unserer spirituellen Taubheit oder Schwerhörigkeit immer wieder – wie die Menschen schon zu allen Zeiten.

“Alle entspringen dem großen Klang, der in der Stille vernehmbar ist.”

Der göttliche Urklang will durch uns hindurch tönen – hinein in die Welt und zu den Menschen. Das meint das Wort “Person”, das von lateinisch per-sonare kommt und ‚hindurch tönen‘ bedeutet. In dieser Weise sind wir oft undurchlässig, stumm; wir reden zwar, doch das Wesentliche bleibt unausgesprochen, Worte des Lebens und der Liebe klingen wenig durch uns hindurch.

Sich zu öffnen heißt somit auch, auf den großen Klang  zu lauschen, durchlässig dafür zu werden und ihn auf eine ganz persönliche und einmalige Weise in der Welt erklingen zu lassen. Es geht darum stimmig zu werden und stimmig zu handeln – in Übereinstimmung mit dem göttlichen Urklang Lebendigkeit und Liebe erklingen zu lassen. Denn Lebendigkeit und Liebe wollen sich in unserem Menschsein in vielen unterschiedlichen Variationen entfalten – gleichsam wie die vielfältigen Melodien, Rhythmen und Stimmen, die es gibt.

Einen Moment der Verbundenheit schaffte Irene Schneider anschließend unter den Teilnehmer*innen, durch den Aufruf zu einer liebevollen, kleinen Geste. Jede*r sagte seinem Sitznachbarn, seiner Sitznachbarin, was von dem Gehörten im Herzen berührt oder nachklingt. Auf den Gesichtern waren sanftes Lächeln und Berührtheit, Zugewandtheit und Aufmerksamkeit zu lesen.

Einfühlsam und anrührend vertiefte Markus Stockhausen daran anknüpfend durch seine musikalische Darbietung die entfalteten Gedanken. Lang gezogene, fast wehklagende aber sich dann ins Hoffnungsvolle wendende Töne, die er seiner Trompete und dem Piano gleichzeitig entlockte, schafften eine festliche, emotional tief berührende Atmosphäre.

Anschließend wurden das Brot, das in der Küche des Benediktushofes speziell für die Feier des Lebens gebacken wurde, sowie der Traubensaft gesegnet und miteinander geteilt. In Stille ließen die Anwesenden die Symbolkraft des Brot- und Wein-Rituals auf sich wirken.

Zum Schluss lud Markus Stockhausen die Teilnehmer*innen noch einmal ein, gemeinsam zu Tönen, einen Ton zur musikalischen Begleitung und als Weg zum Selbst zu finden. Der Klang der eigenen Stimme dient als Medium, um ganz bei sich selbst anzukommen, inneren Frieden zu finden. Im großen Klang der Gruppe wurden die Teilnehmer dabei reich beschenkt und konnten sich ganz bei sich und in der Gemeinschaft geborgen fühlen. In der anschließenden Stille klangen die gesprochenen Worte und gesungenen Töne nach.

Als Ausdruck unserer menschlichen Verbundenheit wurde zu einer Gabe für Betroffene des Hochwassers in Zülpich eingeladen. Es kamen 250 € zusammen, die über Markus Stockhausen persönlich an Menschen vor Ort als Unterstützung für den Wiederaufbau gespendet werden.

 

 

Mit den folgenden Segens-
worten endete die Feier des Lebens:

Mögen wir gesegnet sein,

erfüllt von göttlichem Klang, der uns erklingen und die Melodie unseres Lebens singen lässt.

Mögen wir die Zwischentöne wahrnehmen im Miteinander.

Mögen wir einstimmen in das große Lied der Liebe

und Lieder der Hoffnung und der Zuversicht singen.

Mögen wir vom Segen umfangen sein und als Gesegnete im Alltag leben.

                                                                                                                   Amen

Irene Schneider

Irene Schneider, geboren 1964, ist Diplom-Theologin sowie Gestalttherapeutin und hat eine langjährige Berufserfahrung in verschiedenen Bereichen der Seelsorge, Persönlichkeitsentwicklung und spirituellen Begleitung. Zudem ist sie als Seminarleiterin und Beraterin tätig. Achtsamkeitspraxis und systemische Aufstellungsarbeit unterstützen sie in ihrer Arbeit. Sie geht seit vielen Jahren den Weg der christlichen Spiritualität und des kontemplativen Gebets. Sie ist Mitglied der spirituellen Leitung des Benediktushofes.
 
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