Das Leben im Hier & Jetzt. Die Probleme der Welt gehen mich nichts an.
Impulsbeitrag von Doris Zölls, Zen-Meisterin der Linie Leere Wolke West-Östliche Zen-Schule®
Carpe diem! Wer kennt ihn nicht, den Film, der eine ganze Generation dazu aufrief, das Leben endlich zu ergreifen und nicht auf etwas zu warten, das höchstwahrscheinlich nie eintreffen würde? Dieser Impuls war sehr überzeugend und rüttelte viele auf, dies wenigstens im privaten Bereich umzusetzen.
Heute wird diese Sicht der Wirklichkeit jedoch sehr hinterfragt, denn mit der Aufforderung „Genieße dein Leben jetzt, mach dir keine Gedanken über das, was war oder das, was kommen wird“ hat sich eine Lebenshaltung eingeschlichen, vor der jetzt sogar gewarnt wird.

Sie führte nämlich dazu, dass man jegliche Verantwortung für das Leben vergaß, sei es für Vergangenes oder für zukünftige Aufgaben. Im Gegenteil: Diese Einstellung führte dazu, den Kopf in den Sand zu stecken bzw. sich den Herausforderungen, die das Leben uns aufgibt, nicht zu stellen.
Ich glaube jedoch, dass die Gegenwartsbezogenheit völlig falsch aufgefasst wurde und wird, ja sogar so verdreht wurde, dass man alles, wozu man Lust verspürt, aufgreifen muss und das Leben so weit wie möglich im Spaßmodus verbringen muss.
Die gesamte Freizeitindustrie mit ihrer Werbung bemüht sich sehr, diesen Lebensstil anzupreisen und ihn als die wahre Realität vorzugaukeln.
„Diese Welt gibt dir bereits deine Aufgabe. Von Augenblick zu Augenblick: Tu sie einfach“
(Zen-Meister Seung Sahn)
Damit wurde der eigentlich berechtigte Aufruf, im Hier und Jetzt zu leben, ins Gegenteil verkehrt und ganz auf den momentanen Genuss ausgerichtet. Das Motto lautet: Ich denke nicht an gestern und auch nicht an morgen, sondern lebe jetzt und das soll mir möglichst viel Spaß machen. Die Werbung und die Freizeitindustrie haben tüchtig mitgeholfen, dies in unsere Köpfe zu implantieren.
Spaß und Genuss wurden zum Lebensziel erklärt und alles, was die Lust oder die Freude beeinträchtigt, gehört dem Gestern an und hat jetzt keinen Platz mehr.
Damit wird das Hier und Jetzt nur aus der Perspektive des Genießens verstanden, die jedoch von unserem Ego getrieben wird. Dieses kleine Ich strebt unentwegt danach, dass es ihm gut geht. Es möchte es immer anders haben, als es ist. Diese Gier nach Wohlgefühl wird genährt von der Sehnsucht nach Anerkennung. Unser Ego will gefallen, geliebt werden und uns wird tagtäglich vorgegaukelt, dass das der Weg dazu ist. Du musst nach unseren Vorgaben gut aussehen und dir ständig neue Dinge anschaffen, die man unbedingt haben muss, um bei anderen Ansehen zu erlangen.
Mit dieser Haltung wird das Hier und Jetzt zu einem Ort, an dem wir unsere Begierden ausleben. Wir werden jetzt von unseren Trieben und Vorstellungen, von unseren Mustern und Begehrlichkeiten getrieben.
Doch der Aufruf, das Leben im Hier und Jetzt zu ergreifen, zielt nicht darauf ab. Er will uns gerade aus unserer Träumerei und Sehnsucht herausreißen und zur Bewusstheit aufrufen, was das Leben jenseits aller Begehrlichkeiten ist. Sind wir im Hier und Jetzt, tut sich uns eine völlig andere Wirklichkeit auf. Sie zeigt uns, wer wir wirklich sind und definiert unsere Persönlichkeit nicht über unsere Begierden und unbewussten Sehnsüchte. Das Hier und Jetzt lässt uns nicht in Gedanken an Vergangenes verstricken oder in Tagträumen über die Zukunft. Es setzt uns in eine Präsenz und eine Gegenwärtigkeit, die es uns ermöglicht, den Umständen entsprechend zu handeln, ohne das gegenwärtige Leben zu versäumen. Im Hier und Jetzt fallen Vergangenheit und Zukunft zusammen.
Wenn wir jedoch von unserem kleinen Ich bestimmt werden, sind wir von unseren Gelüsten und Begierden besetzt.
Diese schließen jegliches Bewusstsein für die Wirklichkeit aus. Sie gaukeln ein Leben vor, das seine Erfüllung in der Befriedigung von Vorstellungen findet. Unweigerlich wird dann alles andere ausgeblendet, was mich einschränken könnte, und die Konsequenzen des eigenen Handelns werden nicht mehr bedacht. Da alles an meinem eigenen Wohlgefühl gemessen wird, spielt die gesellschaftliche Dimension, ja die ganze Welt, keine Rolle mehr. Alles wird der Erfüllung meiner Sehnsüchte untergeordnet. Egoismus und Narzissmus breiten sich aus.
Das ist der Vorwurf und die Kritik an dem Leben im Hier und Jetzt. Die Befriedigung meiner Wünsche als Lebensziel zu sehen, ruft eine Haltung hervor, die jegliche Motivation und Kraft verhindert, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen.

Sich in seinen Sehnsüchten zu verlieren und sie zu befriedigen, hat nichts mit Gegenwärtigkeit zu tun. Ich bin nur gefangen in meinen Begierden. Wirkliche Präsenz entsteht jedoch dann, wenn gerade all meine Wünsche und Vorstellungen abfallen und ich mich ohne Absichten und Hintergedanken ganz und gar auf das Hier und Jetzt einlasse. Dann ist dieses Hier und Jetzt der Garant dafür, dass unser Handeln in Verantwortung für alle Wesen geschieht.
Das Autorinnengespräch mit Doris Zölls findet am Dienstag, 8. September um 19.00 Uhr statt – online & kostenfrei via Zoom.
