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Ein Rundgang durch den
neuen Zengarten des Benediktushofes
von Jakob Blätte
Garten der verborgenen Quelle |
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Ein Baum ist ein Baum, ein Felsblock ist ein
Felsblock, Kies ist Kies und nichts anderes; doch lassen sich mit diesen und anderen
Elementen Ideen ausdrücken. Der Garten der verborgenen Quelle ist harmonisch
in die vorhandene Hanglandschaft integriert und in seiner Gesamtkomposition Ausdruck
echten Zen-Geistes. Das hier gestaltete Landschaftsbild symbolisiert den Lauf des Lebens
von der verborgenen Quelle bis hin zur Mündung in den großen Ozean. Die geharkten
Kieselsteine gleichen den Wellen in einem Flussbett.
Der noch junge Fluss wird in seinem Oberlauf von einem mächtigen Felsblock überbrückt
und verbindet gleichsam das Diesseits mit dem Jenseits und auf diese Brücke sollen wir
kein Haus bauen. |
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Über eine Kaskade, einem trockenen Wasserfall
aus kleinen Steinen, stürzt am Berghang das verborgene Quellwasser hinein in
den großen Fluss des Lebens, als geharkte Kieselsteine dargestellt. |
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Unterhalb der Brücke, in Richtung des
Trocken-Wasserfalls stellt der Felsen einen kräftigen Karpfen dar, der gegen den Strom
zur Quelle hinstrebt, allegorisch zum Drachentor-Wasserfall, dort gegen alle
Widerstände hochschnellt und zu einem mächtigen Drachen wird, gleich einem Zen-Schüler,
der entschlossen trotz aller Hindernisse weiter übt, bis er schließlich die
Erleuchtung erlangt. |
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Im mittleren Flusslauf gleitet das
Wasser in einem breiten Bett nur gemächlich dahin; da und dort liegen Felsen
im Wege, die ohne Schwierigkeiten umflutet werden. Der Lebensstrom erfasst das Boot
unseres Daseins in Form eines Felsens und treibt es unaufhaltsam voran, ob wir
wollen oder nicht. |
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Im unteren Bereich steht nahe dem Ufer hinter
einem flachen Stein eine sogenannte Oribe-Laterne, an deren unteren Schaft
eine nicht klar erkennbare Figur mit weiblichen Zügen eingemeiselt ist. Buddhistisch
gesehen, könnte es eine Kannon, eine Göttin der Barmherzigkeit sein;
christlich betrachtet, eine Mutter Gottes. Diese Art von Laternen sind
während der Edo-Zeit (1603 1868), während der Zeit der Christenverfolgung, von
Katakombenchristen in Japan kreiert worden und sollen in der Tat versteckt
eine Mutter Gottes darstellen. |
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Der Fluss verengt sich, wird schneller, dort wo
ihn eine Holzbrücke überspannt und eine zierliche Pagode steht, Symbol für die
Anwesenheit Buddhas. Unaufhaltsam schnell fließt nun der Lebensstrom auf die
Mündung in den unendlichen Ozean zu, auf die Einheit. Mit ihm schließt sich der Kreis
der verborgenen Quelle.
Der Garten wird in Japan als kare-san-sui (Trocken-Berg-Wasser-Garten)
bezeichnet. Die reine Form dieses Gartentypus erreichte im 15./16. Jahrhundert mit dem
Zen-Buddhismus besonders in den Rinzai-Klöstern Kyotos seinen Höhepunkt und
erlebte während der Edo-Zeit eine Art Wiedergeburt als sog.
Nostalgie-Garten, rückblickend auf vergangene Zeiten unter Einbeziehung von
Stilelementen aus den Tee-Gärten (z.B. Laternen, Wasserbecken) der Momoyama-Zeit
(1573-1600). Steingruppierungen (jap. iwakura oder iwasaka) wurden im frühen Shintoismus
als Sitz der Götter verehrt. So gesehen kann der Garten der verborgenen
Quelle in seiner vorliegenden Gestalt der Edo-Zeit zugeordnet werden und spiegelt
ein Stück japanischer Geistesgeschichte wider.
Der Garten der verborgenen Quelle ist spirituell gesehen ein Sakralgarten, ein
heiliger Bezirk von hoher Ästhetik und Schönheit, der unseren geistigen Weg, unsere
Verinnerlichung, unterstützt. Er ist aber zugleich ein Zeitzeugnis, wie sehr asiatischer
Zen immer mehr in das christliche Abendland Eingang findet (ex oriente lux) und ist somit
auch ein Ausdruck spiritueller Strömungen unserer Zeit. Zudem hat der Garten eine
universelle Aussagekraft und spricht mit seiner friedlichen Ausstrahlung jeden Menschen
jeder Glaubensrichtung und Herkunft im Herzen an. |
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Die Holzhalle lädt
geradezu zum Verweilen und Betrachten dieser Oase der Stille ein, regt aber
auch zum meditativen Gehen, zum Kinhin, zum langsamen Durchschreiten des Gartens ein.
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Text
Fotos |
Jakob Blätte,
Tutzing
Friedhelm Hellenkamp (Bild 2)
Jakob Blätte, alle übrigen Bilder |
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