Ein Rundgang durch den neuen Zengarten des Benediktushofes

von Jakob Blätte

Garten der verborgenen Quelle
Ein Baum ist ein Baum, ein Felsblock ist ein Felsblock, Kies ist Kies und nichts anderes; doch lassen sich mit diesen und anderen Elementen Ideen ausdrücken. Der „Garten der verborgenen Quelle“ ist harmonisch in die vorhandene Hanglandschaft integriert und in seiner Gesamtkomposition Ausdruck echten Zen-Geistes. Das hier gestaltete Landschaftsbild symbolisiert den Lauf des Lebens von der verborgenen Quelle bis hin zur Mündung in den großen Ozean. Die geharkten Kieselsteine gleichen den Wellen in einem Flussbett.

Der noch junge Fluss wird in seinem Oberlauf von einem mächtigen Felsblock überbrückt und verbindet gleichsam das Diesseits mit dem Jenseits und auf diese Brücke sollen wir kein Haus bauen.


nzg-001.jpg (43706 Byte)

Über eine Kaskade, einem trockenen Wasserfall aus kleinen Steinen, stürzt am Berghang das verborgene „Quellwasser“ hinein in den großen Fluss des Lebens, als geharkte Kieselsteine dargestellt.


nzg-002.jpg (44434 Byte)

Unterhalb der Brücke, in Richtung des Trocken-Wasserfalls stellt der Felsen einen kräftigen Karpfen dar, der gegen den Strom zur Quelle hinstrebt, allegorisch zum „Drachentor-Wasserfall“, dort gegen alle Widerstände hochschnellt und zu einem mächtigen Drachen wird, gleich einem Zen-Schüler, der entschlossen trotz aller Hindernisse weiter übt, bis er schließlich die „Erleuchtung“ erlangt.


nzg-003.jpg (96687 Byte)

Im mittleren Flusslauf gleitet das „Wasser“ in einem breiten Bett nur gemächlich dahin; da und dort liegen Felsen im Wege, die ohne Schwierigkeiten umflutet werden. Der Lebensstrom erfasst das „Boot unseres Daseins“ in Form eines Felsens und treibt es unaufhaltsam voran, ob wir wollen oder nicht.


nzg-004.jpg (93239 Byte)

Im unteren Bereich steht nahe dem Ufer hinter einem flachen Stein eine sogenannte „Oribe-Laterne“, an deren unteren Schaft eine nicht klar erkennbare Figur mit weiblichen Zügen eingemeiselt ist. Buddhistisch gesehen, könnte es eine Kannon, eine „Göttin der Barmherzigkeit“ sein; christlich betrachtet, eine „Mutter Gottes“. Diese Art von Laternen sind während der Edo-Zeit (1603 – 1868), während der Zeit der Christenverfolgung, von „Katakombenchristen“ in Japan kreiert worden und sollen in der Tat versteckt eine Mutter Gottes darstellen.


nzg-005.jpg (114855 Byte)

Der Fluss verengt sich, wird schneller, dort wo ihn eine Holzbrücke überspannt und eine zierliche Pagode steht, Symbol für die Anwesenheit Buddha’s. Unaufhaltsam schnell fließt nun der Lebensstrom auf die Mündung in den unendlichen Ozean zu, auf die Einheit. Mit ihm schließt sich der Kreis der verborgenen Quelle.

Der Garten wird in Japan als „kare-san-sui“ (Trocken-Berg-Wasser-Garten) bezeichnet. Die reine Form dieses Gartentypus erreichte im 15./16. Jahrhundert mit dem Zen-Buddhismus besonders in den Rinzai-Klöstern Kyoto’s seinen Höhepunkt und erlebte während der Edo-Zeit eine Art „Wiedergeburt“ als sog. „Nostalgie-Garten“, rückblickend auf vergangene Zeiten unter Einbeziehung von Stilelementen aus den Tee-Gärten (z.B. Laternen, Wasserbecken) der Momoyama-Zeit (1573-1600). Steingruppierungen (jap. iwakura oder iwasaka) wurden im frühen Shintoismus als Sitz der Götter verehrt. So gesehen kann der „Garten der verborgenen Quelle“ in seiner vorliegenden Gestalt der Edo-Zeit zugeordnet werden und spiegelt ein Stück japanischer Geistesgeschichte wider.

Der „Garten der verborgenen Quelle“ ist spirituell gesehen ein Sakralgarten, ein heiliger Bezirk von hoher Ästhetik und Schönheit, der unseren geistigen Weg, unsere Verinnerlichung, unterstützt. Er ist aber zugleich ein Zeitzeugnis, wie sehr asiatischer Zen immer mehr in das christliche Abendland Eingang findet (ex oriente lux) und ist somit auch ein Ausdruck spiritueller Strömungen unserer Zeit. Zudem hat der Garten eine universelle Aussagekraft und spricht mit seiner friedlichen Ausstrahlung jeden Menschen jeder Glaubensrichtung und Herkunft im Herzen an.


nzg-006.jpg (40850 Byte)

Die Holzhalle lädt geradezu zum Verweilen und Betrachten dieser „Oase der Stille“ ein, regt aber auch zum meditativen Gehen, zum Kinhin, zum langsamen Durchschreiten des Gartens ein.

Text
Fotos

Jakob Blätte, Tutzing
Friedhelm Hellenkamp (Bild 2)
Jakob Blätte, alle übrigen Bilder